Aus der Rede des wiedergewählten Bundestagspräsidenten Kai-Uwe von Hassel zur Eröffnungssitzung des 6. Deutschen Bundestages:

"Wir beginnen heute unsere Arbeit in einem immer noch geteilten Deutschland, in einem geteilten Europa, in einer Welt, die unruhig ist und deshalb damit fertig werden muß, Krisen zu bewältigen und Gegensätze zu überwinden.

Am Anfang seiner 6. Legislaturperiode bekennt darum der Deutsche Bundestag, daß er sich auch weiterhin in den Dienst eines sozialen und gerechten Friedens für alle Völker stellt. Wir wollen aktiv dazu beitragen, daß Hunger; Not, Elend und Rechtlosigkeit in der Welt überwunden werden. Wir bleiben unruhig darüber, daß unser Land bald ein viertel Jahrhundert widernatürlich und gegen den Willen aller. Deutschen geteilt ist. Wir werden uns weiter um die Unterstützung der ganzen Welt für das Recht aller Deutschen auf Selbstbestimmung bemühen. Dort aber, wo wir eigene Möglichkeiten erkennen, werden wir unsere Pflicht nicht vernachlässigen, um vernünftige und für alle Völker Europas gerechte Regelungen zu ringen.

Kein Ort und keine Stunde ist geeigneter, um unserem Volk dafür zu danken, daß wir als respektierter Partner für diese Ziele weiter in der Welt wirken können.

In freier und demokratischer Entscheidung ist am 28. September rechts- und linksradikalen Kräften der Weg in dieses Haus verlegt worden. Unser Land hat eine Bewährungsprobe bestanden; unsere parlamentarische Demokratie hat an Selbstbewußtsein und innerer Kraft gewonnen. Dieses darf uns nun aber nicht in Selbstzufriedenheit dazu verleiten, den Konflikten in unserer Gesellschaft auszuweichen.

Im Gegenteil: Der Auftrag zu ständiger Erneuerung, zu Reformen und zur Festigung unseres sozialen und freien Rechtsstaates ist uns mit auf den Weg gegeben worden. Daß es im Ringen um die besten Lösungen im 6. Bundestag wieder lebhafter und oft kontrovers zugehen wird, spürt sicherlich jeder von uns. Dieses aber gerade ist es was unserer Demokratie guttun wird. Wenn wir uns dabei stärker nach außen offen zeigen, wenn wir zudem durch die energische Fortführung der Parlamentsreform zu zeitgerechteren, verständlicheren Formen der Willensbildung und des Entscheidungsprozesses gelangen, dann können wir den Rang des Deutschen Bundestages weiter festigen und rechtfertigen."