ZDF, Donnerstag, 16. Oktober: "Vor me formidable"

Die Propaganda war beträchtlich, von einer Super-Show wurde gesprochen, das Gespann Charles Aznavour (Der Napoleon des Chansons: so die Ansagerin) und Jean-Christophe Averty (Der lispelnde Zauberer der Mattscheibe: so die Radiozeitung) schien Qualität zu verbürgen, und in der Tat, die ersten Minuten waren vorzüglich. Eine verwegene Farbencollage, eine Sequenz, die, auf Zwischenschnitte verzichtend, aus einer Kette von kolorierten Momentaufnahmen bestand: Aznavour zwischen Rentnern, Aznavour auf den Plakaten, Aznavour auf der Bühne, Aznavour schlendernd, Aznavour singend ... ein strahlendes Play-back, der Mund zitierte, der Ton, Farbe unter den Farben, floß über den Bildschirm. Wie frech, diese Schnitte, wie kühn da montiert wurde und wie selbstverständlich sich aus den verschiedenartigsten Partikeln, der Klaviermusik, den Häuserschächten, dem Kreuz auf dem Busen, ein Show-Arrangement herstellen ließ, an dem die Herren Lichtenstein und Warhol ihren Spaß haben würden.

Das ging so drei bis vier Minuten lang, das war am schönsten, als die weißen Schriftzeichen, die Anfangstitel, aufleuchteten, und das nahm sich auch später noch erfreulich aus, als Averty mit Hilfe von kaleidoskopartig zusammengeschütteten Sekunden-Takes eine Jam-Session ablaufen ließ: rotes Hemd, goldener Finger, so braun der Baß, so blitzend die Brille.

Der Rest war trist, die Kameraführung konventionell, die Choreographie routiniert. (Mal ging die eine Frau am Meer entlang, mal tat’s die andere.) Aznavour hatte sich in Bully Buhlan verwandelt und gab in langen Gängen, immer auf und ab die Côte d’Azur, einige Texte zum besten, aus denen der Betrachter am Bildschirm erfuhr, daß die Zeit alles verzaubert, daß sich Atelier auf Milchcafé reimt und daß Giacometti- und Calder-Gebilde niemals ratloser als inmitten von schluchzenden Sängern dastehen können. Du bist alles, was ich bin, du mein Verlust, du mein Gewinn: Zu solchen Exerzitien der Verdinglichung, die Geliebte als Aktie, hatten allenfalls Bilder von Grandma Moses gepaßt.

Was phantasievoll begann, wurde im Laufe der Sendung ein kitschiger Traktat über die Liebe, die Mutter Gottes (Napoleon sang in der Kirche) und die heile Welt. Keine Rede mehr von Zitat und kreativer Montage: Witz wurde durch unfreiwillige Komik ersetzt, das toupierte Haupt. der Pop-Sängerin, kiss away my tears, sah zwischen Blumen wie ein Weißkohlkopf aus, eine proletarische Knolle, von Lavendelblüten umgeben, sehr lustig, aber doch wohl kaum beabsichtigt in dieser Litanei von Liebe und von Seligkeit, von schönen Tagen, schönen Kindern, von Marie, die voll der Gnaden ist.

Wirklich, das hätte man auch in Mainz haben können: Gerhard Wendland, von den Gonsenheimer Lerchen begleitet. Warum ans Mittelmeer eilen, wo doch am Main so nah liegt, was nicht anders ist? Momos