Zum ersten Male seit 39 Jahren ist mit Willy Brandt wieder ein Sozialdemokrat deutscher Regierungschef. In einer spannungsgeladenen Atmosphäre wählte der Bundestag am Dienstagmorgen den SPD-Vorsitzenden zum Bundeskanzler, dem vierten in der Geschichte der Bundesrepublik.

Um 11.22 Uhr stand das Ergebnis fest: 251 Bundestagsabgeordnete stimmten für Brandt (zwei mehr als die verfassungsmäßig vorgeschriebene Zahl von 249), 235 Abgeordnete stimmten gegen ihn, fünf enthielten sich der Stimme und vier gaben ungültige Stimmzettel ab. Von den 22 nicht voll stimmberechtigten Berliner Abgeordneten stimmten 14 für den SPD-Vorsitzenden und acht gegen ihn. Außer dem wegen Krankheit abwesenden früheren Bundesinnenminister Paul Lücke hatten alle 495 voll stimmberechtigten Abgeordneten an der Wahl teilgenommen.

Zwischen der Wahl Brandts und seiner Vereidigung hatte der bisherige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) im Bonner Kanzleramt seinem Nachfolger die Amtsgeschäfte übergeben.

Brandt äußerte nach seiner Wahl seine Zufriedenheit und Dankbarkeit für das Vertrauen, das ihm vom Parlament ausgesprochen worden sei. In einem Fernsehinterview erklärte er: "Ich bin sogar ein bißchen stolz, das hohe Amt jetzt ausüben zu dürfen." Zu den dringlichsten Aufgaben seiner Regierung rechnet der neue Bundeskanzler den Kampf gegen den Preisanstieg. In einem Interview mit der Dortmunder "Westfälischen Rundschau" erklärte er kurz nach seiner Wahl: "Die Arbeitnehmer werden rasch spüren, daß das Grundgesetz einer modernen Wirtschaftspolitik, das Stabilitätsgesetz, konsequent angewendet wird."

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, Rainer Barzel, der zu den ersten Gratulanten Brandts zählte, bot der SPD und der FDP eine Zusammenarbeit in den großen Fragen der Politik an. Auf nuancierte Debatten bereite sich die Opposition in den Fragen des Berlin-Status, der Oder-Neiße-Linie, des Gewaltverzichts, einer europäischen Sicherheitskonferenz, der EWG-Politik und vor allem auch der Konjunktur- und Finanzpolitik vor.

Das Ausland reagierte durchweg positiv auf die Wahl Brandts zum Bundeskanzler. Regierungskreise in Washington drückten ihr Vertrauen in die Außenpolitik der neuen Bundesregierung aus. In einem der über 1000 Glückwunschtelegramme an den Bundeskanzler schrieb US-Präsident Richard Nixon: "Die weltweite Bewunderung und Achtung, die Sie sich erworben haben, lassen vieles erwarten für die Erfüllung der noch größeren und schwereren Aufgaben, die Sie jetzt übernommen haben." In der Moskauer "Prawda" hieß es, man erwarte von der neuen Regierung "realistische Gespräche mit den sozialistischen Ländern über die Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen". Ein Kommentator des polnischen Fernsehens erklärte in einer ersten Stellungnahme, die Warschauer Regierung hoffe, daß durch die neue Regierung in Bonn eine neue Ära in der Geschichte der Bundesrepublik eingeleitet werde. Brandts Äußerungen über die künftigen Beziehungen seiner Regierung zu Polen sowie die beabsichtigte Unterzeichnung des Atomsperrvertrages seien "ermutigend".

Die Liste der Minister und parlamentarischen Staatssekretäre, die Bundeskanzler Brandt veröffentlichte, enthielt kaum Überraschungen. Unerwartet jedoch kam die Berufung von zwei Frauen zu parlamentarischen Staatssekretären: Die Kölner SPD-Abgeordnete Dr. Katharina Focke soll Staatssekretär im Bundeskanzleramt werden und Brigitte Freyh (SPD) im Ministerium für Entwicklungshilfe.