Wie wird das Schulsystem in Deutschland – und womöglich anderswo – im nächsten Jahrzehnt aussehen? Eine Weise, darauf zu antworten – zumal wenn man als Wissenschaftler gefragt wird – wäre, die allgemeinen Entwicklungen für die nächste Zukunft zu projektieren, aus ihnen die zu erwartenden Bedürfnisse abzuleiten, diese mit unseren Mitteln, dem geistigen, wirtschaftlichen und politischen Potential, in ein Verhältnis zu setzen und daraus wiederum die wahrscheinlichste Resultante für die Gestalt unserer Schulen zu gewinnen. Schule ist, das setzt man schon durch dieses Verfahren voraus, nur "Antwort" auf die sogenannten Anforderungen der Gesellschaft: auf den Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs, an Dienstleistungsberufen, an Mobilität oder auf die zunehmende Kommunikationsdichte, auf eine kleiner und konfliktreicher werdende Welt oder auf die Notwendigkeit, immer mehr "Freizeit zu bewältigen" – und das möglichst nicht durch Krieg oder Revolution.

Eine andere Weise zu antworten wäre zurückzufragen: Was wollt ihr von der Zukunft? Welche Ziele habt ihr euch und der Gesellschaft gesetzt? – und zu unterstellen: Schule sei in erster Linie das Instrument zur Durchsetzung solcher Ziele; sie werde je nachdem entweder leistungsbewußte oder genußfrohe Menschen, entweder tolerante oder revolutionäre Bürger, entweder gute Deutsche oder gute Kosmopoliten hervorbringen und entsprechend so oder, so eingerichtet sein.

Der Reiz und die Langlebigkeit dieser geläufigen Alternative von Notwendigkeit und Willkür liegen darin, daß sie falsch ist und darum keine Entscheidung erlaubt. Schule ist immer an beidem beteiligt, der Zweckerfüllung und der Zweckbestimmung, und kann diesen Regelkreis von Gegebenheit und Bewußtsein nicht beliebig verlassen oder auflösen. Sie kann aber sehr wohl an Freiheit und Wirksamkeit gewinnen, wenn sie sich ihre zweideutige Funktion bewußt macht: daß sie einerseits der Gesellschaft gerade nicht nützt, wenn sie ihre Bedürfnisse kritik- und widerstandslos erfüllt, daß sie sich andererseits selbst überschätzt und zum Scheitern verurteilt, wenn sie meint, der Gesellschaft andere Ziele setzen zu können. Was Schule tun kann, ist, sich selbst zum Modell dafür machen, wie in einem gesellschaftlichen Organismus, der durch bestehende Ordnungen, Zwecke und Abhängigkeiten bestimmt und am Leben erhalten wird, gleichwohl neue Ordnungen und Zwecke erfindbar, sichtbar, prüfbar, annehmbar, erfüllbar werden können. Schule selbst sollte die Alternative von Prognose und Utopie aufheben.

Indem ich zu zeigen versuche, wie Schule nach gemeinem Verständnis – bestenfalls – aussehen kann, fordere ich sie zwar auf, möglichst nicht weniger zu erstreben; aber ich sage damit nicht, wie sie nach meinem Verständnis aussehen soll, weil es dafür einstweilen keinen Konsens gibt und geben kann; ich sage auch nicht, wie die Schule nach dem Verständnis eines unbeteiligten Prognostikers aussehen wird, weil mir solche Vorhersagen in einem Widerspruch zu den möglichen Funktionen und Wirkungen von Schule zu stehen scheinen, die damit vielleicht vollends verhindert werden.

Um die Funktion von Schule "überhaupt" bloßzulegen, ist es gut, sich ihre Entstehung und ihren Wandel kurz zu vergegenwärtigen. Eines der "Wunder", mit deren Hilfe vielgliedrige Organismen leben, ist das, was der Kybernetiker ihre Homoeostase nennt – die Möglichkeit, zwischen äußeren Einwirkungen und inneren Vorgängen einen zuträglichen und beständigen Ausgleich herzustellen. In einer menschlichen Gesellschaft bedeutet das die Balance zwischen ihren Lebensbedürfnissen, ihren Werten, Idealen und Neigungen und ihren Fähigkeiten, Kräften und Begabungen – also zwischen Müssen, Wollen und Können.

In den alten Gesellschaften reproduzierte sich das System gleichsam von selbst. Die Söhne lernten von den Vätern die Tätigkeiten, die sie selber dereinst würden ausüben müssen und deren Ertrag der betreffenden Gesellschaft das Maß ihrer Erhaltung und Entfaltung setzte; sie erwarben zugleich die dazugehörigen Einstellungen, Bescheidung und Anspruch einerseits, eine Lernbereitschaft andererseits – die man dann für die besondere Potenz, den "Charakter" und die "Begabung" des jeweiligen Gewerbes, Standes, Stammes oder – wo ein ganzes Volk die Tätigkeit teilte – des Volkes hielt.

Die Ionier zum Beispiel fuhren zur See, und so machten die Tücken des Wetters und die Glücksfälle des Handels, die Begegnung mit fremden Völkern und der Kampf mit dem prinzipiell überlegenen Element sie zu waghalsigen, schlauen, neugierigen, faulen Menschen ohne Respekt für Ordnung und Autorität.