Brandts dorniger Weg ins Kanzleramt

Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Von lautem Triumph war nichts zu spüren. Willy Brandt, mit 251 Stimmen zum Kanzler der Bundesrepublik gewählt, versagte sich jede Siegergeste. Eine Szene aber wird lange im Gedächtnis haften: Brandt und Wehner in wortloser Umarmung – jene beiden Männer, die wohl am meisten dazu beigetragen haben, daß heute ein Sozialdemokrat Kanzler der Bundesrepublik ist.

"Wer Sinn für Geschichte hat", sagte Willy Brandt, als er Außenminister in Bonn wurde, "wird nicht leicht darüber hinwegsehen, daß ein Mann meiner Überzeugung der deutsche Minister des Auswärtigen geworden ist." Noch mehr trifft dieser Satz auf den gewählten Kanzler zu. Nicht nur die politische Überzeugung, persönliches und politisches Schicksal dieses Mannes sind so beschaffen, daß er viele Jahre als ein Außenseiter in der guten Stube der deutschen Politik galt.

Schon die Tatsache, Sozialdemokrat zu sein, war lange Zeit in der Bundesrepublik identisch mit dem Signum: nicht regierungsfähig. Seine Herkunft – Sohn einer unverheirateten Verkäuferin, aufgewachsen in einer bescheidenen Arbeiterwohnung – war ganz dazu angetan, die Vorurteile der sogenannten guten Gesellschaft zu wecken. Dafür kann er nichts, lautete ihr als Mitleid getarnter Urteilsspruch, "aber..." Es war unnötig, den Satz dann noch zu Ende zu führen, der unterschwellige Appell hatte längst seine Wirkung getan.

Und schließlich die Emigration! Daß Brandt, der als junger Mann bei Nacht und Nebel sein Vaterland verlassen mußte, um sich vor dem Zugriff der Nazis in Sicherheit zu bringen, der vor der Kriegsmaschine des Dritten Reiches ins neutrale Schweden flüchten mußte, der nach dem Kriege zurückkehrte und dessen politischem Aufstieg in der Bundesrepublik wie ein Schatten der Rufmord folgte, die Schmutzkampagne – daß ausgerechnet er nun Kanzler geworden ist, bedeutet in der Tat eine historische Zäsur.