Von Hellmuth Karasek

Hinten saß "die APO". Sie war durch den Besuch der Generalprobe auf das Zwischenruf-Konzert schon eingestimmt, das sie dann der Premiere stichwortgetreu zu liefern suchte. Das bewirkte einmal, daß der "Che Guevara"-Abend des Württembergischen Staatstheaters ein bißchen Leben daraus bezog, weil sich ab und an im Zuschauerraum etwas rührte. Das bewirkte weiter, daß das Publikum in den Zwischenrufen ein Ventil fand, das den Ärger ablaufen ließ, der sich sonst unweigerlich aufgestaut hätte. Außerdem ergab sich so auch noch die Möglichkeit, die Aufführung ernster zu nehmen: wenn schon "die" Studenten dagegen sind ...

Dadurch könnte das Mißverständnis aufkommen, daß ein hochpolitischer, brisanter Abend den Lärm provozierte, der nun einmal politisch unbequeme, formal kühne Theater-Einsichten begleitet. Man muß daher in aller Deutlichkeit sagen: in Stuttgart wurde, unter vielem anderen, an diesem Abend auch das Buh-Rufen als Gradmesser theatralischen Ernstes disqualifiziert. Denn wenn diese Aufführung ein Politikum war, dann vor allem in einer Hinsicht: nämlich ob es möglich ist, daß ein Chefdramaturg einer Bühne, die auch dank seiner dramaturgischen Arbeit Ansehen gewonnen hat, seinen dilettantischen Regie-Ehrgeiz an einem Stück austoben darf, das er selber übersetzt hat, in einem Deutsch übrigens, welches dem Finanzamt oder einer sonstigen Kanzlei alle Ehre gemacht hätte.

Dafür zwei kurze Proben. Die Figur des Autors gleich im ersten Satz: "Meine Damen und Herren, wohl wissend, daß es für einen Autor ungewöhnlich ist, auf der Bühne zu erscheinen, noch dazu als Vorhut vor seinem eigenen Werk, erlauben Sie mir zwei mildernde Umstände als Entschuldigung anzuführen." Und der Geist von Karl Marx spricht kurz darauf so: "Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für eine kurze Erklärung über den Marxismus?" Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für eine kurze Verurteilung über die Übersetzertätigkeit, wobei die Vorhut vor mildernden Umständen als Entschuldigung kaum anzuführen wäre?

Es ist in der Tat ein Politikum, wenn an einem Theater, das seiner ganzen Struktur nach in der Amtszeit Palitzsch/Wehmeier auf das Mitreden von mündigen Schauspielern angelegt schien, auf einmal eine Selbstherrlichkeit mit Händen zu greifen ist, die sich schon in der Stück-Auswahl gerade dann verirrt, wenn persönliche Interessen der Dramaturgie auf dem Spiel stehen, und die dem Stuttgarter Ensemble eine Aufführung zumutete (vom Publikum zu schweigen), deren Niveau man zu Unrecht mit Gymnasialabenden vergleichen könnte. Zu Unrecht: weil Dilettantismus, von Berufsausübenden praktiziert, der wohligen Begleiterscheinung des unfreiwillig und anrührend Komischen entraten muß. Ein Schauspiel, das solches einem seiner beiden Hauptverantwortlichen nicht klar machen kann, droht – und das ist kein zu hochtrabendes Wort – in eine schwere Vertrauenskrise zu gegeraten. Denn wenn Inszenierungen das sind, was – unbeschadet von Nichtskönnen – derjenige machen darf, der nun eben mal am Drücker ist, dann gleicht das in fataler Weise jenem falschen Mäzenatentum, bei dem durch Reichtum Mächtige sich Symphonie-Orchester ausleihen, um ihre blinde Dirigierwut loszuwerden.

Jedenfalls war das, was dabei auf der Stuttgarter Bühne an bierigem Ernst und tödlichem Ulk veranstaltet wurde, von unvorhersehbarer Peinlichkeit. Wo das Stück Operetten- und Musical-Vorstellungen zu verhöhnen sucht, also etwa bei Südamerika-Klischees, purzelte die Inszenierung in die Späße eines Vorstadt-Cabarets. Wo der Autor seinem Stoff die überlegene Ironie einer Publikums-Conference zumutet, verflacht die sich zur Ansage eines bunten Abends bei Hirrlmeier & Söhnen; erschienen Geister und Gespenster (also etwa der von Sankt Marx), fühlte ich mich lebhaft an die Geburtstagsnachmittage meines Sohnes erinnert: auch Kinder spielen sich ja gern etwas vor, was gruselig und lustig zugleich sein soll.

Eigentlich sollte man zu diesem Regie-Bemühen, das die Parodie suchte, bevor es den Stil, der einer Parodie doch immer zugrunde liegen muß, auch nur geahnt hätte, das so wahnwitzig war, für eine Laien-Pantomime (Flußüberquerung) das blaue Tuch der Peking-Oper-Reminiszenzen zu spannen, eigentlich sollte man zu einem solchen Bemühen nur sagen, daß der Wiederholungsfall bei Strafe verboten sein müßte.