Alle, die schwimmen können, besuchen mit mir heute das Freibad. Wer kommt also mit?" – auf diese Frage des Klassenlehrers hob das neunjährige Fritzchen mit der größten Selbstverständlichkeit die Hand, obwohl sein schwimmerisches Können gleich Null war. Am Ort der Tat marschierte er zum Sprungbrett, er wollte ja nicht als Feigling gelten, und sprang. Hätte der Lehrer damals die Folgen dieses Sprunges nicht aufmerksam im Auge behalten und sich rasch rettend eingemischt, könnte man heute nicht den ersten Weltmeister des deutschen Fechtsports feiern. Denn, 15 Jahre nach seiner Mutprobe im Schwimmbad, überstand der seitdem vom "Fritzchen" zum Friedrich Wessel Herangewachsene mit der gleichen Entschlossenheit die Strapazen der Fechtweltmeisterschaften in Havanna und gewann den Titel der Florettfechter. Sein Sieg ist zweifellos die Sensation des nacholympischen Jahres und ein Meilenstein im deutschen Fechtsport, der bisher nur Olympiasieger oder Siegerinnen und Weltmeisterinnen kannte.

Ein Zyklon streifte die Zuckerinsel des bärtigen Diktators Fidel Castro. Extreme Temperaturen ließen den Quecksilberfaden immer höher klettern. Aus dem Kolosseum von Havanna wurde ein Brutkasten. Kurzschlüsse legten die elektrischen Anlagen lahm; unter der imprägnierten Fechtkleidung floß der Schweiß in Strömen. Gequälte Gesichter verschwanden hinter den Masken und schnappten wieder nach Luft, wenn die Kopfbedeckung heruntergerissen wurde. In dieser außergewöhnlichen Atmosphäre begann das Kräftemessen der weitbesten Florettspezialisten. Unter ihnen der 24jährige Jurastudent aus Bonn, der eindeutig im Schatten der großen Favoriten stand. In dem riesigen Sportpalast gab es nur einen einzigen Mann, der wußte, daß Friedrich Wessel auch bei einem Weltturnier etwas zu sagen hatte: sein Trainer, der belgische Fechtmeister Jean Coibion.

"An einem guten Tag kann der Friedrich jeden Fechter der Welt schlagen!" – prophezeite der Belgier einmal und beharrte auf seiner Behauptung auch dann, als enttäuschende Rückschläge kamen. Denn der hochtalentierte Wessel glänzte bislang ebenso durch seine Unbeständigkeit. Für ihn war das Fechten nicht mehr als ein Hobby, eine Sportart, zu der man ihn zwang, um den flatterhaften, zerstreuten Jungen an Konzentration zu gewöhnen.

Mit 10 Jahren begann seine sportliche Laufbahn als Fechter. Mit 16 Lenzen stand "Fritzchen" schon auf dem Siegespodest. Bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Duisburg 1961 wurde er dritter. Nur wenige wissen, daß er in diesen Jahren seinen Paß "korrigieren" mußte, um überhaupt zu Wettkämpfen zugelassen zu werden.

Friedrich Wessel wurde Mitglied der Nationalmannschaft, eine Stütze seines Vereins OFC Bonn und endlich auch Deutscher Meister im Einzel. Aber der internationale Durchbruch gelang ihm erst am 4. Oktober 1969. An diesem Tag stand das Quentchen Glück, das im Fechten oft über Sieg oder Niederlage entscheidet, an seiner Seite. Wessel erkannte die Gunst der Stunde, auf die er eigentlich schon längst vorbereitet war. Seine glänzende Technik, die innere Kraft zur nervenzehrenden Konzentration und seine lückenlose Kondition trugen ihn immer weiter voran in dem von Weltmeistern und Olympiasiegern gespickten Feld. In der Endrunde wirkte Wessel so souverän, daß die Fachwelt nur staunen und der große Favorit, der Sowjetrusse Wassili Stankovitsch, nur resignieren konnte.

Neben begeisterten Gratulationen und der Goldmedaille bekam der neue Weltmeister auf dem Köln-Bonner Flughafen einen "großen Bahnhof". Seine sechs kleinen Neffen und Nichten trugen stolz auf ihrer Brust eine Aufschrift, die besagte: "Wir gratulieren dir!" Im offenen Wagen fuhr er durch die Bundeshauptstadt zum Rathaus, um von Oberbürgermeister Dr. Franz Meyers empfangen zu werden. Ihn so zu ehren ist gut, doch wird man ihm auch helfen? Denn der Jurastudent steht gerade dann vor seiner Schlußprüfung, wenn in München um olympische Ehren gefochten wird. Mutter Otti Wessel erklärt dazu: "Dem Fritz bereiten die Tage Sorgen, die er an der Uni fehlt. Vielleicht könnte man ihm in solchen Fällen einen Dozenten zu Hilfe rufen, der in jeweils zwei bis drei Tagen das Versäumte wieder aufholen hilft."

Stefan Lazar