Von Wolfram Siebeck

Ich erinnere mich, daß es kein Ei zum Frühstück gab. Nachträglich fällt mir auch ein, daß sie besonders schweigsam war (falsch: ich hatte es gleich gemerkt, wollte es aber nicht wahrhaben; morgens liebe ich keine Komplikationen) und daß sie mich manchmal erwartungsvoll ansah.

Als ich mittags wieder nach Hause komme und sie, kaum daß wir am Tisch sitzen, diese Frage stellt, bin ich also nicht ganz unvorbereitet. Und doch wird mir ganz heiß, als ich höre, wie sie das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken versucht: "Weißt du eigentlich, was wir heute für ein Datum haben?"

O Gott! Hochzeitstag vergessen? Geburtstag? Ihren? Meinen? Wessen? Jährt sich der Todestag von irgendwem? Habe ich für heute leichtfertige Versprechungen gemacht? Theater? Ausflug? Der Schweiß bricht mir aus.

"Ach so – ja, ist heute nicht..." Ich sehe sie an, aufmunternd-freundlich, zwischen der irrsinnigen Hoffnung, es möge noch einmal gutgehen, und der Angst vor dem, was unvermeidlich kommen wird. Da kommt es auch schon. Ihre Augen weiten sich, der Blick, bevor er wäßrig wird, drückt jene grenzenlose Enttäuschung aus, die nur der Allernächste uns zufügen kann. Dann rollen die ersten Tränen, und schluchzend (sie springt auf, Serviette vor die Augen gedrückt) und hinter dem tränengetränkten Damast kaum verständlich, trifft mich ihre Klage: "Und ich hatte mich sooo darauf gefreut!" (Ab).

Scheiße! Wenn mir wenigstens einfiele, was los ist! Mit dem Mittagessen wird es auch nichts. Also in Gottes Namen hinterher. An der Küchentür kommt sie mir entgegen. In der rechten Hand hat sie etwas Gelbes, wirft es mir an den Kopf: "Da – sieh zu, wie du alleine sparst, heute am Weltspartag!" (Neuer Tränenausbruch). Die Küchentür fällt hinter ihr ins Schloß.

Da stehe ich nun (das Sparschwein habe ich aufgefangen), hungrig, und keine Aussicht, satt zu werden.