Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

In der nächsten Woche gibt Willy Brandt seine erste Regierungserklärung ab und Harold Wilson seine womöglich letzte. Solche Willenserklärungen werden in England jährlich formuliert, das erlaubt Flexibilität. Man muß daher annehmen, daß die Unterhauswahl ihre Schatten Westminster wenn die Königin am Dienstag in Westminster die Erklärung verliest. Zur Europapolitik zum Beispiel ist nur eine allgemein gehaltene Bestätigung der Absicht zu erwarten, dem Gemeinsamen Markt beizutreten, vorausgesetzt, die Bedingungen seien annehmbar.

Wie annehmbar sie sein werden, das nun hängt zu einem nicht geringen Teil davon ab, was England mitbringt, wenn der Verhandlungstisch einmal hergerichtet wird. Seit sowohl in Paris wie in Bonn Europas Zukunft nicht mehr in den Schwarz-Weiß-Konturen vergangener Jahre gesehen wird, müssen sich auch die britischen Politiker auf genauere Fragen gefaßt machen, wenn es ans Geben und Nehmen geht. Manche Ministerien in Whitehall bereuen es jetzt ein wenig, daß sie schon zu de Gaulles und Kiesingers Zeiten, also mit praktisch verschenktem Effekt, auf diejenigen Bereiche hingewiesen haben, in denen England – auch das England der Pfundschwäche – den europäischen Staaten etwas zu bieten vermag. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, sowohl in der Technologie wie auch in der Verteidigung die Trumpfkarten für den tatsächlichen Beginn des großen Spiels aufzuheben.

Nun aber nähert sich das Gipfeltreffen von Den Haag, und die derzeitige britische Haltung, erst einen Entscheid der sechs EWG-Staaten abzuwarten und bis dahin sozusagen gar nichts zu tun, ist recht unglücklich. Das mag zum erheblichen Teil auf die sehr skeptisch gewordene öffentliche Meinung zugeschnitten sein und muß daher diplomatische und politische Aktivität abseits des Rampenlichts nicht ausschließen. Aber man sähe – gerade auch im Kreis der unentwegten britischen Beitrittsfreunde – jetzt lieber eine Wiederauflage des Ideenreichtums, der vor zwei Jahren aus dem Kabinett Wilson hervorströmte. Statt dessen scheinen die britischen Minister, was Londoner Europavorschläge angeht, so etwas wie ein Nichtweiterverbreitungsabkommen unterzeichnet zu haben.

Dabei hat sich das Denken zumindest der beiden hierfür wichtigsten Männer in der Regierung, Benn (Technologie) und Healey (Verteidigung), in keiner Weise von den seinerzeit vorgeschlagenen Wegen der Zusammenarbeit abgewandt. Benns Einfluß im Kabinett ist durch die jüngste enorme Vermehrung seiner Hauskompetenzen gestiegen. Healey setzt seine Politik des Disengagements östlich von Suez ungeachtet der Politik der Tories fort, die immer stärkere Neigung zeigen, sich in jenen Gefilden wieder zu engagieren – eine Zusage, die in Asien nur Unglauben, in Europa Konfusion und im Londoner Finanzministerium Entsetzen auslösen kann.

Es gibt nun einen Bereich, in dem die beiden genannten Ministerien ihre Attraktionen zu kombinieren vermögen, und niemanden verwundert es, wenn sich gerade hierauf die Blicke der Kontinental-Europäer nach wie vor richten. Gemeint ist die Kenntnis, die Großbritannien in der zivilen wie waffentechnischen Nutzung der Kernenergie besitzt. Läßt man alle übrigen Mitbringsel eines EWG-Mitgliedes England beiseite – das Nordseegas, die Flugzeugindustrie, die Commonwealth-Märkte, so wichtig das auch alles sein mag – so schält sich das atomare "know-how" als immer noch unentbehrlich für wirtschaftliche wie militärische Vorausplanungen in Paris und – im zivilen Bereich – auch in Bonn heraus.