Erfolg und Mißerfolg der neuen Regierung werden nicht zuletzt davon abhängen, wie die Tarifpartner in der Lohnpolitik agieren

Heinz Oskar Vetter, der erste Mann des Deutschen Gewerkschaftsbundes, legte der SPD/FDP-Koalition als Morgengabe die Zusage in die Wiege, daß der DGB ihr eine "echte Chance" geben und "mit allem Wohlwollen" begegnen werde. Kein Zweifel, daß die neue Regierung diesen good will gut brauchen kann.

Erfolg und Mißerfolg des antretenden Regimes hängen nicht zuletzt davon ab, wie die Gewerkschaften in der Lohnpolitik operieren werden. Kein Zweifel aber auch, daß die Gewerkschaften selbst auf eben diesem Felde in einer prekären Situation stecken, die es ihnen nicht leicht macht, eitel Wohlwollen auszustrahlen.

Aufgabe der Gewerkschaften ist es, dafür zu sorgen, daß ein angemessener Teil des wirtschaftlichen Ertrages in den Taschen der Arbeitnehmer landet. In den letzten drei Jahren hatten sie mit ihren lohnpolitischen Aktionen wenig Glück. Die Quittung dafür erhielten sie von den Arbeitnehmern selbst in einer Serie außergewerkschaftlicher Streiks, die sich nicht nur gegen die Arbeitgeber richteten, sondern auch an den Grundfesten der gewerkschaftlichen Existenz rüttelten.

So kann es denn auch niemand wundern, daß innerhalb der Gewerkschaften seit Wochen Überlegungen angestellt werden, wie diese Schlappe ausgebügelt werden kann. Eines der Ergebnisse dieser Überlegungen ist von der Hauptabteilung Wirtschaftspolitik der Düsseldorfer DGB-Zentrale in einer Art "Zielprojektion" niedergelegt worden. Sie wurde vor einigen Tagen in Teilen bekannt und hat in der Öffentlichkeit gelindes Erstaunen ausgelöst.

Kern dieser gewerkschaftseigenen Zielprojektion ist die These, daß es nicht nur notwendig, sondern auch möglich sei, in den kommenden vier Jahren die Arbeitnehmereinkommen erheblich über die Zuwachsraten des realen und nominalen Sozialproduktes hinauszutreiben, bei entsprechendem Zurückbleiben der Kapitaleinkommen. Diese sollen sich mit etwa der Hälfte der den Arbeitern und Angestellten zugedachten Einkommenssteigerungen zufriedengeben.

Der DGB war von dem Bekanntwerden seiner Sandkastenspiele wenig erbaut. Er legt Wert auf die Feststellung, daß es sich lediglich um eine "ressortinterne Arbeitsunterlage" handelt, die noch zu keinen Entschlüssen geführt hat. Das ist denn auch einigermaßen tröstlich. Bei allem Verständnis für die lohnpolitischen Sorgen, die den DGB drücken – so geht es sicher nicht.