Jetzt sind sich auch die Anthropologen in die Haare geraten, die gar nicht ihre eigenen sind. Es geht um langes Männerhaar. Warum die ungepflegt aussehenden Strähnen, die bis zu Augenbrauen, Hemdkragen und Schultern reichen, warum die Pilzköpfe und krausen Wuschelköpfe? Dr. E. R. Leach, Anthropologe in Cambridge, hat die Erklärung des Psychoanalytikers parat: Haar ist ein Sex-Symbol. Das Schneiden des Haares ist ein Sinnbild der Kastration, langes Haar bedeutet ungehemmte Geschlechtlichkeit, kurzgeschorenes Zölibat. Eine Jugend, die sowohl ihre Potenz betonen wie ihre Ablehnung der bürgerlichen Sexualmoral demonstrieren will, meidet den Friseur.

"Falsch!" erklärt der Anthropologe Dr. C. R. Hallpike von der Dalhousie University, Nova Scotia. Erfordert nicht uraltes kultisches Ritual, daß Menschen – auch Frauen – sich zum Zeichen der Trauer den Kopf kahl scheren lassen? Was, bitte schön, hat das mit Kastration zu tun? Zugegeben, die Tonsur des Mönchs weist auf sein Zölibat hin. Aber ist sie nicht auch ein Ausdruck des Gehorsams? Eremiten, die gleichfalls den Lockungen der Fleischeslust widerstehen, aber keiner institutionellen Disziplin unterworfen sind, tragen ihr Haar lang. Nein, sagt Dr. Hallpike, die Haartracht hat nichts mit ungehemmter oder beschränkter Sexualität zu tun; geschnittenes Haar deutet vielmehr die Einordnung in die gesellschaftliche Disziplin an, langes Haar ist das Symbol der Außenseiter.

Warum? Weil in der Auffassung primitiver Völker Tiere – typisch langhaarig – Symbole des anarchischen Lebens der ungezähmten Natur sind. In der Bibel sind zum Beispiel Esau und Nebukadnezar – beide haarig – animalische Gestalten, während die Haarigkeit des Propheten Elias und Johannes des Täufers auf ihr Leben als asketische Außenseiter hinweist.

Was mancher Leser als einen bei den Haaren herbeigezogenen Vergleich ansehen dürfte. Robert Lucas