In den letzten Wochen erzielten die Aktien der „alten Großbanken“, die sogenannten Großbanken-Restquoten, erstaunliche Kursgewinne. So stiegen die Restquoten der Commerzbank seit Jahresbeginn von 2,10 Mark je Stück auf acht Mark, die Restquoten der Deutschen Bank von 2,35 auf 10,40 und die der Dresdner Bank von 2,35 auf 7,50. Der Wert dieser Stücke hat sich verdrei- oder vervierfacht. Wer das rechtzeitig vorausgesehen hatte, ist innerhalb von knapp zehn Monaten reich geworden.

Die großen Gewinner dieser Hausse dürften dessen die Großbanken selbst sein, die in früheren Jahren stetig, aber zumeist unauffällig ihre eigenen Restquoten aufgekauft haben. Lange Zeit fanden in diesen Papieren keine Börsenumsätze mehr statt, und auch jetzt hat sich der Anstieg bei relativ bescheidenem Geschäft vollzogen.

Um was geht es bei diesen Papieren? Dazu ein Blick in die Nachkriegsgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Großbanken von den Siegermächten „entflochten“, in der sowjetischen Besatzungszone und in Ostberlin liquidiert. Die westlichen Siegermächte stückelten jede Großbank (Commerzbank, Deutsche Bank und Dresdner Bank) in jeweils neun Nachfolgeinstitute auf; 1952 wurden dann aus den neun kleinen Banken drei größere Banken gemacht. Damals erhielt jeder Aktionär der alten Bank Aktien der drei größeren Nachfolgeinstitute sowie auf Reichsmark lautende neugedruckte Aktien der alten Bank. Diese Aktien verkörpern die Ansprüche auf das den alten Banken verbliebene Vermögen. Dazu sind alle Werte zu rechnen, die „zur Zeit nicht geregelt werden können“, also die Entschädigungen auf den verlorenen Auslandsbesitz, die Ansprüche auf die in den ehemals deutschen Ostgebieten und in der DDR verbliebenen Vermögenswerte sowie um die Aktiven und Passiven der Berliner Niederlassungen der alten Großbanken.

Dividenden wurden auf die Restquoten noch niemals gezahlt, weil keinerlei Erträge angefallen sind. Kein Wunder also, wenn viele frühere Restquotenbesitzer sich von diesen Papieren trennten, auf die sie allenfalls Vermögenssteuer zu entrichten hatten, aber aus denen sie keinen Nutzen, ziehen konnten.

In Bewegung gerieten die Kurse der Restquoten nur dann, wenn eine „weiche“ Ost-West-Welle über das Land brandete. Sie profitierten von ihrem Charakter als „Ostpapiere“, die jedesmal dann in den Börsenblickpunkt gerieten, wenn auch nur ein Fünkchen Hoffnung auf Wiedervereinigung in irgendeiner Form zu keimen begann. Diesmal scheinen es jedoch keine Osthoffnungen zu sein, die zu den Kurssteigerungen der Restquoten geführt haben.

Doch die wirklichen Ursachen für die Hausse ist auch den sonst so cleveren Börsianern nicht bekannt. Die Großbanken selbst schweigen oder meinen, daß es sich hier lediglich um eine Spekulation ohne realen Hintergrund handelt. Es wird darauf verwiesen, daß viele Papiere mit engen Märkten zur Zeit vom Börsenberufshandel „angefaßt“ werden, ohne daß eine Berechtigung für eine Kursheraufsetzung zu erkennen ist.

Angeregt wird die Phantasie der Käufer ohne Zweifel durch einen Prozeß vor dem Bundesgerichtshof, in dem festgestellt werden soll, ob juristische Personen den natürlichen Personen hinsichtlich der Entschädigungsansprüche gleichzustellen sind. Dieser Prozeß betrifft nicht das ehemalige Großbanken-, sondern das frühere IG-Farben-Vermögen. Wird er positiv im Sinne der juristischen Personen entschieden, können auch die Aktionäre der alten Großbanken hoffen.