Die trügerische "Normalisierung", mit der die sowjetische Führung seit vierzehn Monaten ihr tschechoslowakisches Debakel vertuschen möchte, scheint gelungen zu sein. Der Prager Parteichef Husak befindet sich in Moskau, um dafür endlich den versprochenen Preis einzustreichen: Rubelkredite und vielleicht sogar eine Truppenverminderung, wenn nicht einen Truppenabzug. Er kann sich darauf berufen, daß die Operation des revisionistisch-ketzerischen Krebsschadens geglückt ist. Daß der Patient dabei fast verschied, kümmert Moskau wenig, denn es denkt mehr an das sowjetische Weltreich als an das Schicksal des Sozialismus. Das angeschlagene Selbstbewußtsein wird durch den Anblick von Husaks scheinbar makellosem Büßergewand gestärkt.

Freilich weiß man aus dem historischen Beispiel des kaiserlichen Canossaganges zum Papst, daß – wie das römische Sprichwort sagt – die Kutte allein noch keinen Mönch macht. Der Kaiser, der sich so demütig vor dem Pontifex niederwirft, um sein Reich zu retten, vergißt diese Demütigung nicht. Husak war in den letzten Monaten mit der sturen sowjetischen Weigerung konfrontiert, der zerrütteten Wirtschaft der ČSSR auch nur den kleinen Finger zu reichen, solange nicht jede ihrer Forderungen erfüllt und der Haß, den die Moskauer Politik ja selbst produzierte, von einer neuen, scheinbar orthodoxen Fassade verdeckt worden wäre.

Dieses von Breschnjew gewünschte Potemkinsche Dorf hat Husak nun mit eiserner Strenge aufgebaut. "Die breiten Massen unseres Volkes werden uns am Ende nicht danach beurteilen, ob wir Smrkovsky und andere aus dem Zentralkomitee ausschlössen oder nicht, sondern danach, wie sie leben werden, wie sich die Produktion entwickelt, wie die Versorgung des Marktes sein wird."

Mit diesem Satz in seiner Schlußrede der letzten ZK-Sitzung hat Husak durchblicken lassen, worum es in Wahrheit geht. Daß am Tage vor seiner Abreise nach Moskau Dubčeks große Verteidigungsrede vor dem ZK an die Ohren der Weltöffentlichkeit drang, ist freilich ein Zeichen dafür, wie brüchig die neue Fassade bleibt, aber auch dafür, daß Husaks kühler Machiavellismus moralische Grenzen hat, die er selbst markierte, als er sich weigerte, der politischen Exekution der Reformer die juristische folgen zu lassen. Töricht nannte er diejenigen, die eine Rückkehr zum Stalinismus befürchten – oder anstreben, denn es gebe keine "mechanischen Kehrtwendungen".

Es wird sich in diesen Tagen erweisen, ob Husak davon auch jene sowjetischen Führer überzeugen kann, die Stalins Zeiten nicht zuletzt deshalb nachtrauern, weil ihnen selbst das Format zu großen Gewaltherrschern fehlt.

Ste.