Hans-Peter Doll heißt der neue Intendant der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Am 15. Oktober wurde er gewählt. An 1. August 1972 tritt er sein Amt an. Er ist 44 Jahre alt, machte Dramaturgen-Karriere über Frankfurt, Gelsenkirchen, Braunschweig, Hannover, Bochum und Bremen, was ihm 1963 den Intendantenstuhl Heidelbergs und 1968 den Braunschweigs einbrachte. Mit Regieführen hatte er zeitlebens nichts im Sinne (weil er, wie er sagt, seinen eigenen Ansprüchen diesbezüglich nicht gewachsen sei), er organisiert nur fleißig und strebsam. Sonderlich Rühmliches, nachhaltig Empfehlenswertes ist aus seinen Managertätigkeiten in keinem der genannten Orte bekannt geworden. Doch schon zu Beginn seiner Braunschweiger Zeit ward ihm klar, daß es nur noch aufwärts mit ihm gehen könne. Im Gespräch ließ der unaufhaltsame Hans-Peter Doll verlauten: "Ich werde jetzt Intendant in Hamburg oder in Stuttgart!" In Stuttgart ist er’s geworden.

So weit, so gut, wäre Stuttgart nur ein vergrößertes Braunschweig, Stuttgarts Staatstheater aber haben sich unter der mehr als zwanzigjährigen Ägide des Walter Erich Schäfer einen europaweiten, in Sachen Ballett sogar weltweiten künstlerischen Ruf erworben, der ihnen, dem Etat nach gerechnet, eigentlich gar nicht zusteht: Mit 28 Millionen Mark liegt Stuttgart unter Frankfurt und Köln, von Berlin, Hamburg und München ganz zu schweigen.

Stuttgarts empfindliches Gleichgewicht von Oper, Ballett und Schauspiel wurde durch die rundum imponierende, in allen Sparten gleichermaßen befruchtend wirkende Vatergestalt des Walter Erich Schäfer so hochbalanciert, daß es einer ähnlich profilierten Drahtseilkünstler-Persönlichkeit bedürfte, soll sich Stuttgart nicht auf dem Niveau von Köln und Frankfurt einpegeln. Daß die schäferlose, die schreckliche Zeit für seinen Nachfolger, wie auch immer er heißen mochte, zu einer vorbelasteten Renommee-Bürde werden würde, war jedermann klar, denn des 69jährigen Professors ausgleichende Omnipotenz ist in der Theaterwelt mittlerweile zu einem Gottvaterähnlichen Mythos herangereift. Nur um im Hause Schäfer arbeiten zu können, verzichteten zum Beispiel Opernstars oft auf die Hälfte ihrer andernorts bewilligten Gage. Wie er Peter Palitzsch, John Cranko und Vaclav Neumann samt Carlos Kleiber auf einem Nenner addierte, wer soll ihm das nachmachen?

Freilich, man soll den neuen Tag nicht vor dem Morgen tadeln, aber bei einer so wichtigen Entscheidung wie der Wahl des Schäfer-Nachfolgers wäre es an der Zeit gewesen, daß die geheimdiplomatische Prozedur Wie-wird-man-in-Deutschland-Intendant etwas von ihrer hinter verschlossenen Kommunaltüren ausgeklügelten Undurchschaubarkeit und Unbeeinflußbarkeit verloren hätte. Denn es ist doch so: Intendant wird man, wenn sich die vier federführenden Herren des Verwaltungsrates (in Stuttgart bestehend aus Kultusminister, Finanzminister, Oberbürgermeister und Erstem Bürgermeister) auf einen der Bewerber für die im Bühnenfachblatt annoncierte freie Intendantenstelle geeinigt haben. Mehr Leute haben da nicht mitzuentscheiden.

Wohl gibt es noch den sogenannten Theaterbeirat; aber der hat mit Theater herzlich wenig, zu tun: Er besteht schlicht aus fünf Landtagsabgeordneten und fünf Stadträten. Nichts gegen diese zehn Landes- und Kommunalpolitiker, auch nichts gegen Baden-Württembergs Finanzminister, selbst dem Stuttgarter Oberbürgermeister nichts Schlechtes nachgesagt (immerhin sieht man ihn fast regelmäßig bei den Premieren), aber kundige Theaterexperten werden sie sich wohl allesamt nicht nennen wollen.

Solange auf diese exklusiv interne, wenig demokratische und gar nicht nachprüfbare Art Intendanten gemacht werden, wird man als "Endverbraucher" immer nur die Daumendrücken können, die Herren Kulturobmänner mögen doch zufällig auf den richtigen getippt haben. Und selbst an dieser minimalen Glücksspielchance muß gezweifelt werden, hört man, wer in der Stuttgarter Endrunde übriggeblieben ist. Ausgeschieden sind auf eigenen Wunsch (weil ihnen der Etat in Stuttgart zu schwäbisch erschien) Grischa Barfuß, Intendant der Deutschen Rhein-Oper, und Münchens agiler Opernliebhaber August Everding.

Nicht freiwillig aus dem Rennen geschieden, sondern von den Stuttgarter Wahlmännern unbesehen (!) aufs Abstellgleis rangiert wurde der Bremer Intendant Kurt Hübner, der schon in seiner Ulmer Zeit dem bundesdeutschen Theater der fünfziger und sechziger Jahre die meisten stilbildenden Frischimpulse zuzuführen verstand und der ohne Frage in Betracht gezogen werden müßte, mißt man den Nachfolger am Maß des Formats eines Walter Erich Schäfer.