Die Meldung "Professor beißt Studenten" klingt zunächst ebenso absurd wie die Mitteilung: "Briefträger beißt deutschen Schäferhund." Aber der vom Professor gebissene Student humpelte schnell zum Arzt, und dieser hat die Bißwunde an der Wade verifiziert. Übrigens leugnete der Professor nicht. Er hatte den Studenten wirklich ins Bein gebissen.

Gefragt, warum, erwiderte der Professor (dem Sinne nach), er habe mit dem Studenten noch ein Hühnchen zu rupfen gehabt. Aber der Student sagte, er wisse nichts von solchem Hühnchen. Tatsache ist lediglich, daß der Professor im tumultuösen Mai 1969 ein Plakat zerriß, das rebellische Studenten im Hofe der Sorbonne, der berühmten Pariser Universität, angeklebt hatten. In diesem Augenblick versetzte ein Student dem Professor einen Hieb auf den Kopf. So wollten es damals im Mai und Juni die akademischen Sitten; und das bekanntlich nicht allein in Paris.

Der Student aber sagte, er habe niemals einen Professor auf den Kopf geschlagen; das müsse ein anderer Student gewesen sein. Er habe den Professor Deloffre nie gesehen; folglich habe er dem Professor keinen Anlaß gegeben, ihn ins Bein zu beißen. Schon gar nicht nach eineinviertel Jahren. Es ist also möglich, daß der Professor den falschen Studenten ins Bein biß. Wie will er ihn nach so langer Zeit wiedererkannt haben?

Im Hof der Sorbonne haben sich viele dramatische Szenen damals abgespielt (und es ist nicht sicher, daß sich dort nicht neue abspielen). Schon der Ort macht nervös, der genius loci sozusagen. Geht der Professor in Begleitung seiner Tochter dort hinein, sieht einen Studenten sitzen und den "Monde" lesen: "Hah, das ist er!" Er verlangt den Ausweis zu sehen; will wissen, wie er heißt.

Der Student heißt François Huard de la Marre. Ein schöner Name. Und doch will er ihn nicht nennen. Hätte er ihn genannt, wäre der Student vielleicht nicht gebissen worden. Und wer will sagen, daß er hätte ahnen können, daß der Professor beißen würde? Wie oft kommt es schon vor, daß ein Briefträger einen deutschen Schäferhund beißt?

Es entsteht ein Handgemenge. Der Professor zerrt an dem Studenten; die Tochter hilft auch mit. Aus dem Handgemenge wird ein Beingemenge. Plötzlich liegt der Professor am Boden, während der Student noch aufrecht steht und sich mit der Tochter beschäftigt. Schon hat er sie in den Handgelenken gepackt, und der Professor, der des Studenten Beine umklammert hält, spürt, daß der Reißaus nehmen will. Und bei dieser Gelegenheit...

Wie der Ablauf im einzelnen war, wird das Gericht zu eruieren haben, denn der Gebissene hat den Beißer verklagt. Huard de la Marre, zweites Semester Geschichte, gegen Frédéric Deloffre, Professor der Philologie, Direktor des Instituts zur Erforschung der französischen Sprache: ein führender Gelehrter, ein berühmter Mann.