Von Alexander Rost

Die Flüsterdebatte um das sogenannte freie, sprich: private, kommerzielle Fernsehen ist wieder laut geworden. Ein Mann, dessen Name allenfalls in seiner Branche bekannt war und der sich selbst einen "hauptberuflichen Anwärter auf ein privates Fernsehen" nennt, der Werbeberater Karl Lesch, beantragte in Bonn eine Lizenz für Versuchssendungen. Diesen Antrag ließ Bundespostminister Werner Dollinger (CSU) gleichsam als Versuchsballon steigen.

Der in Hamburg ansässsige Karl Lesch hat eine schwer durchschaubare Gesellschaft mit beschränkten Haftung zustande gebracht. Ihr Sitz ist Kiel. Und das ist, wie manches andere an dieser Geschichte auch, durchaus kein Zufall. In Kiel residiert ein Ministerpräsident, Helmut Lembke (CDU), der aus seiner Zuneigung zu freien Fernsehplänen keinen Hehl macht und der, was in diesem Zusammenhang erwähnenswert ist, sehr freundschaftliche Beziehungen zu Axel Springer pflegt. Dollinger fragte also bei Lembke an, ob die schleswig-holsteinische Landesregierung irgendwelche Einwände habe. Die Antwort war kein "Jein", sondern ein "Nja".

Es gebe, hieß es im Erwiderungsschreiben der Kieler Staatskanzlei, kein eigenes Landesgesetz, "um eine Lizenz zu erteilen oder zu versagen"; mit anderen Worten und ungeachtet der Tatsache, daß laut Staatsvertrag mit Hamburg und Niedersachsen der NDR – der Norddeutsche Rundfunk – allein ein Senderecht hat: Wo nichts ist, da kann kein Einwand sein.

Der werbetüchtige Karl Lesch hat die Lizenz dann doch nicht erhalten. Aber der Kampf um den freien Kanal im Fernsehen ist keinesfalls beendet. Der Versuch, von Schleswig-Holstein aus das Hamburger Ballungszentrum mit Fernsehreklame zu berieseln, ist gescheitert; das Problem jedoch, das sich bezeichnenderweise außer in Schleswig-Holstein handfest auch im Saarland stellt, bleibt weder geographisch noch politisch am Rande.

Es ist eines der gesellschaftspolitischen Zentralprobleme unserer Zeit, zu messen an klipp und klaren Fragen wie diesen: Kann ein Volk es sich leisten, ein Übermaß an Wildwest-, Krimi- und Spießerfamilien-Shows zu konsumieren (denn worin sonst wohl sollte man die Werbung profitträchtig verpacken?); darf die Möglichkeit eines modernen Bildungs- oder auch nur Wissensfernsehens mit billiger Unterhaltung verbaut werden; soll Politik im Gefolge von Waschmitteln und Limonade gesendet werden oder gar als Lokomotive für Reklame herhalten? Und was wäre von einer Boulevard-Politik zu halten, die, auf hohe Fernseh-Einschaltquoten bedacht, zum Beispiel vom Rübe-ab-Strafrechtskommentar bis zum Oder-Neiße-Nationalismus den vermeintlichen Massenwillen artikuliert?

Der Kampf um den freien Fernsehkanal ist ein Kampf um die wahrscheinlich letzten Frequenzen, die überhaupt dem drahtlosen Fernsehen zur Verfügung stehen. Die Voraussetzungen haben die Techniker mit dem 12-Gigahertz-Bereich geschaffen; Giga bedeutet "10 hoch 9" und gehört zu jenen Bezeichnungen, die einer Welt, die sich ihrer Technik nur langsam bewußt wird, einstweilen noch magisch vorkommen und doch schon zur Mittelschulphysik zählen sollten. In jenem Höchstfrequenzbereich nun können zu den vorhandenen drei Fernsehprogrammen theoretisch fünf weitere hinzukommen. In anderen Ländern will man diesen Bereich dem Satellitenfernsehen vorbehalten. Allein in der Bundesrepublik hat man erwogen, ihn privaten Lokal-Sendern zu reservieren; und solche Diskrepanz zwischen Projekten, die wahrhaft die Welt umspannen, und jenen, die über den Provinz-Horizont nicht hinausreichen, mag zu denken geben.