Eine Spielzeit lang schien am Basler Theatereitel Harmonie zu herrschen. Werner Düggelin und Friedrich Dürrenmatt hatten sich hier zusammengefunden, um ein theatralisches Konkurrenzunternehmen. für das etwas siech gewordene Zürcher Schauspielhaus zu gründen. Zunächst wurden das Basler Stadttheater und die Basler Komödie zum Basler Theater zusammengelegt. Dürrenmatt nahmseine dramaturgische Tätigkeit so ernst, daß nicht nur die Programmblätter des Basler Theaters Dürrenmattsche Notizen und Bemerkungen zu den Aufführungen enthielten, er bescherte den Baslern auch zwei dramaturgische Arbeiten, eine Dürrenmatt-Version des Shakespearschen "König Johann" und eine inzwischen von vielen Bühnen zum Nachspiel erworbene Neufassung von Strindbergs "Totentanz" unter dem Titel "Play Strindberg".

Auch sonst machte Basel, schon allein durch eine atemraubende Premierenzahl, von sich reden. Düggelin gelang es, Hans Hollmann zu verpflichten: seine erste Inszenierung in Basel, Hováths "Kasimir und Karoline", prompt zum Berliner Theaterwettbewerb geladen, gehört zweifellos zu den drei wichtigsten deutschsprachigen Aufführungen der letzten Zeit. Auch in der Debatte um das eintrittsfreie Theater preschte Düggelins Basler Bühne nach vorn.

So war es für den Außenstehenden nicht wenig verwunderlich, wenn er jetzt hören mußte, daß Dürrenmatts Basler Theaterehe böse und jäh zu Ende geht. Auf die lakonische Mitteilung, daß Dürrenmatt seine Basler Arbeit beenden wolle, folgten rasch eloquente Schimpfkanonaden aus Dürrenmatts Mund. Auf einer Pressekonferenz im Basler Theater erklärte Dürrenmatt, sein Name sei ihm fast zu schade für Aufführungen, in denen seine Stücke durch völlig ungeeignete Schauspieler entstellt würden: "Ich bin kein Havanna-Deckblatt."

Offenkundig fühlt Dürrenmatt sich durch Entscheidungen übergangen, die die Basler Theaterleitung in der Zeit traf, da er dem Theater durch die Folgen einer Herzattacke fernbleiben mußte. Offenbar hängt sein Weggang auch mit dem des Schauspielers Beck zusammen, den das Ensemble nicht im gleichen Maße schätzte, wie Dürrenmatt es tat.

In dem von ihm herausgegebenen "Sonntagsjournal" rechnet Dürrenmatt noch härter mit den Basler Theaterleuten ab. Er sei, wie er gestand, "an diesem Theater der Narren der größte Narr" gewesen. Nach seinem Herzinfarkt habe er sich an die Bearbeitung der "Minna von Barnhelm" und des "Titus Andronicus" gemacht und eine Endfassung seines Werks "Die Ehe des Herrn Mississippi" hergestellt: "Als ich am 1. September in Basel wieder das Schiff betreten wollte, mußte ich zu meiner Verwunderung feststellen, daß das noch im Hafen verankerte Schiff bereits gesunken war. Die ‚Minna von Barnhelm‘ stellte sich nicht als meine Minna heraus, auch nicht als jene Lessings, sondern als jene Düggelins, und meine letzte Ehe mit Herrn Mississippi durfte nicht stattfinden." Die Uraufführungen seiner Titus-Bearbeitung und die neue "Ehe des Herrn Mississippi" würden nun an anderen Theatern stattfinden.

Zur Basler Situation erklärte Dürrenmatt: "Ein Theaterdirektor hat nicht in erster Linie ein Künstler zu sein, sondern ein Theaterleiter. Düggelin leitet das Theater nicht, er verleitet nur Menschen, an seinem nicht geleiteten Theater mitzumachen. Das Basler Theater klopfte in seinen Programmheften große Sprüche, es wollte an der Veränderung der Gesellschaft teilnehmen und ging am Mangel einer konsequenten Führung zugrunde. Die Probleme wurden nicht durchdacht, Scheinlösung häufte sich auf Scheinlösung, der wahre Sinn für Qualität ging verloren, ein fauler Kompromiß nach dem anderen wurde geschlossen und jeder Durchfall des Zürcher Schauspielhauses mit Freudentänzen gefeiert. Mit den Leuten, die das Basler Theater führen, kann man kein Theater führen. Ich kann es der Stadt gegenüber nicht mehr verantworten, den bankrotten Institutionen zu dienen, die sie und damit auch mich subventioniert. Eines ist deutlich geworden, Basel wird zwar ein neues Theater besitzen, aber seine Fastnacht wird immer besser sein als sein Theater. Sein Theaterneubau ist ein Schildbürgerstreich."

Werner Düggelin war schon vorher krankheitshalber nach Neapel abgereist, so daß er sich nicht so recht wehren kann. Fest steht zumindest eines, daß Dürrenmatt, der das ganze Gewicht seiner Autorität in die Waagschale des Basler Unternehmens warf, jetzt sein ganzes Ansehen gegen das Theater stemmt, das er verläßt. Ob das Theater in Basel das sinkende Schiff ist, wie Dürrenmatt behauptet – seine Erklärung wirkt auf jeden Fall, um im Bild zu bleiben, wie ein Torpedo.