"Schulzenhofer Kramkalender – Geschichten oder so was", von Erwin Strittmatter. Dieser DDR-Autor, Verfasser des "Ochsenkutscher" und des "Wundertäter", erzählt nun, wie die Tauben den Morgen verstehen, wie es kommt, daß sich der Bussard vor den Krähen duckt und Brecht sich Blumen aus Belgien mitbrachte. Fehlen im Regen, Kraniche im Grasmeer, Kolkraben und Waldmeister werden fast liebevoll zu Stillleben verarbeitet: eine ländliche Naturpoesie, die in seltsamem Widerspruch steht zum industriellen Fortschrittsglauben, dem der Sozialismus huldigt. Die Idylle als Wahrtraum eines einzelnen, wenn die Gesellschaft sogar den Urlaub kollektiviert: das ist schon keine sozialistische Romantik mehr, sondern unumwundener Rückzug in die Welt der kleinen Dinge. Dabei findet sich manches Geglückte unter den zweihundert Prosastücken: prosaische Gegenbeispiele zu Huchels Naturlyrik, die Erinnerungen an den Großvater, der bei Nebel ein Kreuz in den Kalender machte, und an Brecht, dessen heute schon maskenhaft mumifizierte Gestalt da in wenigen Zeilen lebendig wird: seine Extravaganzen, seine bayerische Dickschädligkeit, seine geradezu naive Liebe zum Kitsch – harmlose Anekdoten, die auf dem Wege eines Kramkalenders die DDR-Zensur passieren. (C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 316 S., 16,80 DM)

Martin Gregor-Dellin

"Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham" von Sheilah Graham und Gerold Frank. Sheilah Graham, eigentlich Lily Sheil, war die letzten fünf Jahre seines Lebens mit Scott Fitzgerald befreundet, Zeugin seiner Versuche, sich aus der Vergessenheit wieder hervorzuschreiben, Zeugin seiner wilden Kämpfe gegen die Abhängigkeit vom Alkohol. Ihr Lebensbericht hat jedoch nicht Scott als Mittelpunkt; sie selber hat sich einen Roman, zusammengelebt, wie er kaum erzählenswerter in Hollywood hatte ausgetüftelt werden können: Ostlondoner Slums, Waisenhaus, ehrgeiziger Versuch, herauszukommen aus der "schändlichen" Armut, Werbeverkäuferin für Zahnbürsten, Büroarbeit, Geschäftsreise nach Paris, Heirat mit dem Chef, kinderlose Ehe, deshalb Sprung auf die Bühne, rascher Ruhm als Revuegirl, ebenso rascher gesellschaftlicher Erfolg, Champagner, Dinners und Weekends mit den sagenhaften Mitfords, mit Randolph Churchill, mit Lords und Herzögen. Amateurjournalistin in New York und Hollywood, wieder Erfolg, wieder Zelebritäten wie Chaplin, die Bogarts, Dorothy Parker, Cocktails, Partys, der ganze hektische Glanz der frühen dreißiger Jahre. Und schließlich Scott, mit dem eine vollkommen neue Etappe begann: Liebe statt Hirt, Bildung statt Konversationswissen, Selbstbewußtsein statt Angst vor Blamage, endlich auch der wahre Name statt des erdachten Namens und der erdachten (bürgerlichen) Lebensgeschichte. Eine sonderbare Mischung aus Pygmalion und Aschenbrödel, naiv und geschickt mit Gefühl und Sinn für Wirkung erzählt. Das Ganze ein interessantes Zeitbild und das lesenswerte Porträt einer Frau aus den zwanziger Jahren. (Limes Verlag, Wiesbaden; 341 S., 22,– DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt