Köln Bis zum 29. November, Baukunst: "Surrealismus in Europa"

Die meisten Kölner Galerien haben sich im Programm auf den "Kunstmarkt" eingestellt und segeln im Wind der Progressiven. Die "Baukunst" steuert Gegenkurs. Surrealismus, in den letzten Jahren zu oft und zu wahllos vorgezeigt, legitimiert sich, angesichts des "Kunstmarkts" und synchron zu ihm dargeboten, als Korrelat, als Kontrapunkt zum Aktuellen. Zur glücklichen Terminierung kommt der ebenso glückliche Ort des Geschehens: im Haus der "Baukunst" wird die Ausstellung in toto zum surrealistischen Environment, gespenstisch und komisch. Alp- und Wunschträume, infernalische und erotische Halluzinationen, die über die gepflegt großbürgerlichen, komfortablen Räumlichkeiten hereinbrechen, über die Wände und durch die Gänge kriechen. Der "Große blaue Insekt-Migof" von Bernard Schultze hat sich schaurig schön über dem roten Sofa eingenistet. Ursulas "Pandora-Schrank mit den vielen Gesichtern" von 1969, der größte, üppigste, exzentrischste, den sie je gefertigt hat, denunziert mit subtiler Infamie den mondänen Salon, in den er sich verirrt hat. Sechzig Surrealisten oder Phantasten, vorwiegend deutsche Maler, mit 250 Bildern. Die Ausweitung ins Europäische bleibt in Ansätzen stecken. England mit seiner großen surrealistischen Vergangenheit und Gegenwart ist nicht dabei. Dafür sieht man eine drittrangige skandinavische Garnitur mit Freddie an der Spitze. Wiener Phantastik in ihren unteren Rängen und, im obersten Rang, Rudolf Hausner mit fünf Bildern, eine glänzende Auswahl, von dem frühen Hauptwerk "Arche des Odysseus" bis zum Weltraum-"Laokoon" von 1969. Dazu Werkgruppen der Klassiker des Surrealismus, Max Ernst, Dali, Tanguy (in einer bestechend schönen Auswahl), Magritte. Wunderlich hängt neben Bellmer, ein Ausstellungsgag, der Wunderlichs Eigenart und Eigenwert nicht im mindesten beeinträchtigt. "Die sieben Todsünden" von Otto Dix, ein großes Beispiel für schöpferischen Eklektizismus. Bei den deutschen Jungphantasten hätte man strenger sieben müssen. Wichtige Maler, die nicht in jeder Surrealistenschau vertreten sind: der Franzose Bernard Requichot (1929-1961), der Österreicher Helmut Leherb (mit einem sehr komischen "Déjeuner chez Leherb"), der Schweizer Otto Tschumi. Die Ausstellungskonzeption ist in Köln nicht unklarer, aber auch nicht klarer als vorher in Recklinghausen oder Hamburg. Akzeptiert man die im Katalogwert von José Pierre formulierte These, daß der Surrealismus in seiner Gesamtheit auf der Methode des Automatismus beruhe, dann müßten 95 Prozent der Bilder ausscheiden. In der Praxis dagegen wird alles, was nicht abstrakt und nicht realistisch ist, als potentiell surrealistisch genommen. Gottfried Seite

Weiterhin im Programm:

Berlin Bis zum 24. November, Nationalgalerie "James McNeill Whistler"

Unglaublich, aber wahr, daß dieses die erste Ausstellung ist, auf der dieser gelernte Engländer (1834-1903) und Vor-Impressionist hierzulande zu sehen ist.

Bielefeld Bis zum 26. Oktober, Kunsthalle:,, Ernst Ludwig Kirchner"

Rund 200 Arbeiten, weitgehend unbekanntes Material aus dem Besitz von zwei passionierten Kirchner-Sammlern, eine wichtige Ergänzung zu den vielen Kirchner-Retrospektiven der letzten Jahre.