Von Horst Krüger

Manchmal, sehr oft ist das nicht, bin ich tatsächlich ein wenig zufrieden mit mir. Ich klopfe mir manchmal des Abends, während ich der City zustrebe, selber auf die Schulter und denke: Also darin bist du nicht schlecht, nicht wahr? Du bist ein guter, treuer Kinogänger. Die Rolle sitzt. Du bist eigentlich genau das, was sich unsere Filmmacher so erträumen: das ideale Publikum, naiv und passioniert, süchtig nach Bildern. Du bist an allem Neuen und Gewagten interessiert, aber auch der gekonnten Konvention nicht abgeneigt: Auch Krimis und Western sind möglich, in Grenzen.

Ich liebe also das Kino, ungefähr so, wie mich das Theater kalt läßt, und trabe zwei- bis dreimal die Woche abends los, mache mir ein paar schöne Stunden, wohl wissend: Im Kino hat man mehr vom Film. Ach, hat man im Kino wirklich mehr vom Film?

Nein, es wäre ganz falsch, mich deswegen für einen Professionellen, für einen heimlichen Cineasten zu halten. Das Ungewöhnliche meines Falls ist, daß mich auch die ausschweifende Kenntnis so vieler Filme innerlich nie weitergebracht hat. Ich stieg nie auf in die Klasse der Fachleute. Es interessiert mich nicht: ob das Filmförderungsgesetz oder nicht, ob Berlin, Venedig, Moskau richtig programmiert waren oder nicht – mögen das andere entscheiden. Irgendwo muß man doch auch naiv, ein bloßer Liebhaber und idealer Kunde sein. Das bin ich, vor Kinokassen. Und als ich vor einiger Zeit zum drittenmal bei Frieda Grafe las, daß die Filme Godards eigentlich gar keine Film mehr, sondern etwas noch Höheres: Metafilme seien, da habe ich kurzentschlossen die Filmkritik abbestellt. So etwas verwirrt und verängstigt mich: Metafilme. Cineasten sind schrecklich. Sie sind so klug und machen aus unserem bunten Abendvergnügen eine komplizierte Wissenschaft, die anstrengend ist. So ernst nehme ich es nun auch wieder nicht. Sternchen – ja. Ob etwas empfehlenswert oder langweilig ist, soweit lasse ich mich gern beraten. Mehr nicht.

Trotzdem, ich mache mir auf dem Heimweg durchaus meine Gedanken. Ich überlege mir zum Beispiel, warum mich all diese Bergman-Filme immer so wütend machen: eine Art von Edelfaschismus, und warum ich trotzdem hingehe, immer wieder. Ich überlege mir, warum ich die meisten Streifen der deutschen Jungfilmer so leicht durcheinanderbringe, hinterher, in der Erinnerung. Sie haben alle so etwas Farbfrohes und Unbekümmertes: Man sieht immer ein Liebespaar fröhlich springen und albern, im Badezimmer, auf Wiesen, im Bett oder auf Großstadtstraßen, durch Gummilinsen. Ein Hauch von Pepsi-Cola tanzt mit. Bei Zadek blieb mir vor allem die Choreographie in Erinnerung. Als ich seinen "Elefanten" sah, müßte ich, gräßlich, immer an "Schwanensee" denken. Jugendprotest als Ballett, gut getanzt. Laut darf man das nicht sagen. Es beschäftigt mich, warum dieser mutige und böse Martin Sperr eigentlich ein so hilfloser Schauspieler ist. In Fleischmanns "Jagdszenen" steht er immer wie ein Schauspielschüler aus Straubing da und weiß dann nicht, wohin mit seinen Händen. Die Unterarme sind wohl zu lang.

Etwas vergrämt mich seit Jahren. Darf ich es sagen in meiner Rolle als Publikum, obwohl es so banal und vordergründig ist. daß kein Cineast sich damit befassen würde? Ich darf es doch sagen, was sicher auch andere Kinogänger bedrückt und belästigt: Das alberne Beiprogramm in Deutschland, das sollte man endlich abschaffen. Das ist längst schlachtreif es stinkt nach Fäulnis und verdirbt uns Treuen und Regelmäßigen immer mehr den Geschmack am Abend.

Ich meine damit nicht sosehr das Stückchen Werbung, diese Reklame-Dias, die uns zum Möbelhaus Müller, zum Wienerwald oder zum Erwerb von Silberbesteck animieren. Solange die Leute ins Kino strömen, ihren Platz suchen, mag das im Zwielicht ruhig sein, obwohl ich natürlich nervös werde, wenn ich zum drittenmal in einer halben Stunde diese Atika-Werbung anlaufen sehe: Es war schon immer etwas teurer. Das verhärtet, setzt unbewußt Widerstände. Kaufen würde ich das Zeug nicht mehr. Ich meine diesen aufwendigen und dröhnenden Leerlauf, diese Sperrzonen eines kolossalen Nichts, die man bei uns durchlaufen muß, um endlich an seinen Film gelassen zu werden, wie ein erschöpftes Wild an seinen Bach.