Dem 20. Gründungstag der Volksrepublik China gingen zwei imposante Kernexplosionen voraus: die erste unterirdische Atombombenexplosion am 23. September und eine oberirdische Wasserstoffbombenexplosion am 29. September dieses Jahres. Bei der großangelegten Feier des 1. Oktober zeigte sich dann der totgesagte Vorsitzende Mao Tse-tung mit seinem designierten Nachfolger Lin Piao der begeisterten Menge in Peking. Liu Schao-tschi, einst Staatsoberhaupt und der Hauptgegner Maos, war inzwischen als "Chinas Chruschtschow" politisch begraben worden; Literat Teng To, ehemaliger Chefredakteur der Parteizeitung, und Marschall Peng Te-huai, Held des koreanischen Krieges und ehemaliger Verteidigungsminister, waren ebenfalls längst von der Bildfläche verschwunden. Nach einem erfolgreichen Zwischenabschluß der Kulturrevolution blieb Mao also Herr des Landes, und sein Regime, so schien es, war wieder konsolidiert.

Doch der Schein könnte trügen. Zwar halte ich nach wie vor daran fest, daß die bisherige Politik Maos eher verständlich als irrational erscheint, wenn man die komplizierten Konstellationen innerhalb und außerhalb Chinas bedenkt. Denn es ist mehr als zweifelhaft, daß die als "Pragmatiker" geltenden Gegner der Politik Maos eine "realistische" Politik hätten praktizieren können, die den Interessen des chinesischen Volkes besser gedient hätte. Meines Erachtens sind die sogenannten Pragmatiker weniger "Realisten" als vielmehr "Idealisten", die die Schwierigkeiten, denen China ausgesetzt war und ist, ignorieren. Dennoch hat Lin Piao auf dem jüngsten 9. Parteikongreß wieder die Gefahr dieser Opposition hervorgehoben und vor den Gegnern Maos gewarnt. Drei von ihnen möchte ich heute vorstellen:

Joachim Glaubitz: "Opposition gegen Mao – Abendgespräche am Yenshan und andere politische Dokumente"; Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1969; 218 S., 22,– DM.

Nirgends wurde seit altersher die Kunst der Andeutung und Anspielung als Waffe der Intellektuellen so gepflegt wie in China. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß in den frühen sechziger Jahren in Film, Theater und Presse viel raffiniert verschleierte Kritik an der Politik Maos, insbesondere an dem umstrittenen "Großen Sprung nach vorn", anzutreffen ist. Damit sollte "heimlich das Wesen einer Sache verändert werden, ohne ihr Äußeres anzutasten". Erst mit Beginn der Kulturrevolution wurde der "revisionistische, konterrevolutionäre" Charakter dieser Andeutungen entlarvt. Die "Abendgespräche am Yenshan" von Teng To sind ein typisches Beispiel für eine solche literarisch formulierte Kritik an der Herrschaft und somit für das Engagement der Literatur in der Politik. In dieser Sammlung von 153 Essays, die von März 1961 bis September 1962 unter dem Pseudonym Ma Nan-tsun erschienen, hat ihr Verfasser, Teng, ein Kenner der klassischen Literatur und ein geschickter Stilist dazu, historische Episoden so wiedergegeben, daß sich, dem aufmerksamen Leser Assoziationen zur Gegenwart aufdrängen.

Joachim Glaubitz hat dieses doch eher fachkundige Thema für den Laien ansprechend und allgemeinverständlich analysiert und mit sorgfältigen Anmerkungen versehen. Der Analyse schließt sich ein Dokumententeil an, der hauptsächlich aus dreißig der Essays von Teng besteht. Zum Schluß folgt Peng Te-huais "Brief der Meinung" vom 14. Juli 1959, in dem die Politik des "Großen Sprungs" angegriffen wird. Die chinesische Originalfassung dieses nunmehr historischen Dokuments ist enthalten in:

"The Case of Peng Te-huai 1959–1968"; Union Research Institute, Hongkong 1968; 494 S., HK $ 60.

Es handelt sich um eine wertvolle Sammlung von 41 Dokumenten, die den Fall des angeklagten Marschalls und Verteidigungsministers Peng verstehen helfen sollen. Die 23 wichtigsten sind im Anhang im Originaltext wiedergegeben. Sie veranschaulichen die erste "Konfrontation" auf der Konferenz des Zentralkomitees der chinesischen Kommunisten in Luschan 1959, die Entlassung und geheime Verurteilung Pengs, die indirekte Kampagne gegen ihn, die "Verhöre und Zeugenaussagen" aus den Jahren 1966/67, die öffentlichen Attacken und die Verdammung der Literatur über und für Peng.