Im Gegensatz zu den Aufständen in anderen südamerikanischen Ländern ist die am Dienstag bekanntgewordene Militärrebellion in Chile ein außergewöhnliches Ereignis. Das langgestreckte Land an der Westküste Südamerikas gilt als das "demokratische Musterländle" des Subkontinents. In seiner über 150jährigen Geschichte hat die Republik Chile weitaus weniger Revolutionen erlebt als seine Nachbarn. Vor allem das chilenische Militär galt bisher als außerordentlich diszipliniert und regierungstreu. Ausdruck der politischen Neutralität des Militärs ist nicht zuletzt die Tatsache, daß Soldaten ebenso wie Analphabeten von den Wahlen ausgeschlossen sind. Die Gründe für die Meuterei einiger Truppeneinheiten gegen die Regierung Frei dürften Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit mit der Arbeit des christdemokratischen Kabinetts sein, die in den letzten Monaten sichtbar wurde. Eduardo Frei, der 1964 für die Dauer von sechs Jahren zum Präsidenten gewählt worden war, gilt als einer der fortschrittlichsten Politiker Südamerikas. Sein Reformprogramm, mit dem die ungeheuren sozialen Differenzen im Lande überwunden werden sollten, galt im Ausland als sehr fortschrittlich. In Chile wurde es von den Großgrundbesitzern wegen der für sie damit verbundenen unangenehmen Konsequenzen abgelehnt und von den Marxisten als nicht radikal genug bekämpft.

Ein politischer Umschwung in Chile und die Absetzung Freis zeichneten sich nach dem Aufstand des Brigadegenerals Marambo nicht ab; ein solcher Machtwechsel würde auch in ganz Südamerika unangenehme Folgen haben. Schließlich gilt Freis "Revolution in Freiheit" als das wirksamste Mittel gegen den Einfluß Fidel Castros.