Von Hartmut Möhring

Seit Oktober vorigen Jahres erregen die Unruhen in Nordirland internationales Aufsehen. Zusammenstöße zwischen Katholiken und Protestanten, umgestürzte und brennende Autos, schmerzverzerrte und blutüberströmte Gesichter – diese Bilder sind die sichtbaren Zeichen dafür, daß die nordirische Selbstverwaltung unter dem Ministerpräsidenten Chichester-Clark die Herrschaft über die sechs Grafschaften verloren hat. Nordirland schien sich am Rande eines Bürgerkrieges zu bewegen. Nur die massiven politischen und militärischen Interventionen der britischen Regierung und die von ihr erzwungenen Reformen haben eine chaotische Verschärfung der Lage verhindern können.

Die Ursachen für die Unruhen in Ulster werden oft ausschließlich als ein leidenschaftlicher Kampf zwischen Katholiken und Protestanten gesehen. Doch trifft das nicht den Kern des Konflikts, des Ringens um die Gleichberechtigung aller Bürger. Die irische Tragödie ist Jahrhunderte alt. Immer spielte die Konfession eine wichtige Rolle, doch heute bekämpfen sich die Protestanten und die Katholiken nicht wegen des Glaubensbekenntnisses, sondern wegen der unterschiedlichen Rechte mit allen ihren wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen.

Nach der Unterwerfung Irlands ist die Geschichte des Landes über Jahrhunderte englische Geschichte und Religionsgeschichte zugleich. Mit der Reformation und der Entstehung der englischen Hochkirche hielt die Majorität der Iren am katholischen Glauben fest, während englische und schottische Siedler den Protestantismus mit ins Land brachten. Elisabeth I. und Jakob I. bemühten sich unter Aufbietung aller Kräfte, die religiöse Reformation auch in Irland durchzusetzen. Es war in jener Zeit, in der die Begriffe "katholisch" und "nationalirisch" und "anti-englisch" nahezu identisch wurden. Nur mit Waffengewalt war es beiden Regenten möglich, die katholischen irischen Farmer zu enteignen und in die unwegsamen und unfruchtbaren Gebiete des Westens zu vertreiben und statt dessen etwa 100 000 Schotten in Ulster anzusiedeln.

Kolonisten, Staatsbedienstete und die anglikanische Kirche teilten sich damals in den Grundbesitz – eine Situation, die sich im Laufe der Jahrhunderte nur wenig verändert hat. So sind die heutigen religiösen Konflikte gleichzeitig Auseinandersetzungen zwischen den alten Iren und den schottischen Kolonisten, wenngleich die Anfänge des Konflikts Jahrhunderte zurückreichen. Noch heute ist ein ähnlicher Zwist auch in Schottland wirksam, freilich nicht annähernd in den Ausmaßen wie in Nordirland. Aber an Konfessionsschulen, Orange-Ordenslogen und handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken fehlt es auch in Glasgow nicht. Ob es deshalb sinnvoll war, daß die britische Regierung einen Schotten zum Vorsitzenden der Untersuchungskommission über die Hintergründe der nordirischen Unruhen bestellte, wirft viele Zweifel auf.

Im 17. Jahrhundert wurde der katholische Bevölkerungsteil Irlands einem massiven Druck durch die regierenden Protestanten ausgesetzt. Die Verabschiedung der "Strafgesetze" waren der Höhepunkt: Die Katholiken durften nicht im Parlament vertreten sein; Regierungsämter waren ihnen versperrt; sie durften keine Schulen unterhalten, aber ihre Kinder auch nicht im Ausland erziehen lassen. Eine wirtschaftliche Unterdrückung Irlands ging mit dieser Entwicklung einher.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts lockerte sich der Druck. Doch der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung blieb aus. Die industrielle Revolution hinterließ zwar deutliche Fortschritte im Norden der Insel – Schiffbau- und Leinenindustrie –, am Süden aber ging sie spurlos vorüber. So vermochten die protestantischen Großgrundbesitzer im Norden ihren Reichtum und damit auch ihren Einfluß auf das britische Parlament in Westminster zu verstärken, was sich besonders in dem erbitterten Widerstand gegen die – im wesentlichen in Südirland aufkommende – "Home-Rule"-Bestrebung ausdrückte.