Am Ministereingang des Bundesfinanzministeriums wird nun bald nicht mehr ein von bajuwarischem Lokalpatriotismus zeugender schwarzer BMW vorfahren, sondern wieder der Wagen mit dem guten Stern, das Standardfahrzeug deutscher Minister. An die Stelle des eher hemdsärmeligen und im allgemeinen von Skrupeln wenig geplagten Bayern Franz Josef Strauß tritt der pedantisch und asketisch wirkende Alex Möller. Dieser Mann paßt nur von seiner politischen Laufbahn, nicht jedoch von seiner gegenwärtigen Stellung her in das bislang gültige Schema eines sozialdemokratischen Politikers. Er ist Vorstandsvorsitzender der Karlsruher Lebensversicherungs AG und wird von seinen Freunden halb spottend, halb bewundernd als "Genosse Generaldirektor" apostrophiert.

In der SPD hofft man, daß der Genosse Generaldirektor dem Amt des Bundesfinanzministers einen neuen Stempel aufdrückt. Möller soll der Mann sein, der in der Finanzpolitik endgültig mit veralteten Vorstellungen aufräumt und sie nach modernen unternehmerischen Gesichtspunkten betreibt. Derartige Hoffnungen an Alex Möller zu knüpfen, ist sicherlich nicht falsch. Schließlich ist es nicht zuletzt seiner politischen Arbeit als Abgeordneter der sozialdemokratischen Opposition zu verdanken, daß die Bundesregierung heute über das Instrument einer mittelfristigen Finanzplanung verfügt. Er hat schon seit vielen Jahren, und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis, eine längerfristige Haushaltspolitik gefordert. Er hat schon sehr frühzeitig darauf hingewiesen, daß es unerträglich sei, daß die öffentliche Hand, die über die Verwendung von rund einem Viertel des Bruttosozialproduktes entscheidet, bei ihrer Ausgabenpolitik nicht über die nächsten zwölf Monate hinausdachte und daß die Ausgaben sich nicht am Bedarf orientierten, sondern an den Einnahmen.

Ebenso unerträglich erscheint es Möller, daß in früheren Jahren und noch heute die Höhe der Ausgaben nicht an Hand einer Dringlichkeitsliste bemessen wurde und wird, sondern mehr oder weniger nach Gutdünken und nach dem Prinzip: Was gesetzlich festgelegt ist, das ist zunächst einmal unabänderlich, bei dem verbleibenden Rest sehen wir weiter.

Bereits vor der Bundestagswahl 1965 wurde offenbar, wie sehr sich Möller selbst in der eigenen Partei bemühen mußte, seinen finanzpolitischen Vorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen. Er machte sich, unterstützt von dem ihm in seinem Unternehmen zur Verfügung stehenden Apparat, die Mühe, einmal nachzurechnen, durch welche Ausgaben und Aufgaben die Bundeskasse in der fünften Legislaturperiode belastet werden würde. Dazu rechnete er dann all jene Ausgaben, die durch neue, aber dringliche politische Aufgaben entstehen würden. Das Ergebnis war schließlich ein Vierjahreshaushalt, den damals die wenigsten Wähler und wohl auch die wenigsten Politiker verstanden – viele seiner Parteifreunde eingeschlossen. Für Fachleute unvergessen ist eine Fernsehsendung, in der vor der Bundestagswahl 1965 Franz Josef Strauß mit Willy Brandt über Alex Möllers Vierjahreshaushalt diskutierte. Dabei wurde offenbar, daß Willy Brandt zwar das Prinzip, aber keine Einzelheiten und Franz Josef Strauß nicht einmal das Prinzip, geschweige denn die Details von Möllers in die Zukunft weisender Arbeit verstanden hatte.

Den Finanzpolitiker Möller hat das nicht erschüttern können, und die folgenden Jahre gaben ihm recht. Heute ist das Prinzip mehrjähriger Haushalte zumindest beim Bund durch die mittelfristige Finanzplanung praktisch verwirklicht, und es wird jetzt von ihm selber weiter praktiziert werden müssen, auch wenn die Zeichen dafür im Augenblick nicht günstig stehen. Wer indessen angesichts der bevorstehenden schwierigen Debatten über den Bundeshaushalt annehmen sollte, Möller werde zugunsten der politischen Pläne seiner Partei den Weg des geringsten Widerstandes gehen, dürfte sich täuschen. Auch an diesem Punkt ist es angebracht, in das Jahn 1965 zurückzublicken, als Möller seine Fraktion nach langen Debatten bewog, sämtliche Gesetzentwürfe mit finanziellen Auswirkungen auf den Bundesetat zurückzuziehen, weil ihm Ordnung in den Staatsfinanzen wichtiger war als noch so schöne Wahlgeschenke.

Möller bekam damals eine ziemlich böse Quittung. Sowohl bei der Bundestagswahl wie auch bei der ein Jahr später fälligen Landtagswahl in Baden-Württemberg mußten die Sozialdemokraten der CDU die größeren Erfolge überlassen. Nach der Landtagswahl hieß es sogar, Alex Möller werde sich aus der aktiven Politik zurückziehen, er sei gesundheitlich angeschlagen, und vor allem wolle er aus dem SPD-Präsidium ausscheiden. In der Tat hat Möller neben politischen Rückschlägen auch einige Herzattacken hinter sich. Doch Möller ist sowohl physisch wie auch psychisch "hart im Nehmen" und überstand alle politischen und gesundheitlichen Nackenschläge.

Möllers im Bundestagshandbuch veröffentlichter Lebenslauf ist im Gegensatz zu vielen anderen Biographien recht dürftig. Vom Zeitpunkt seiner Geburt, dem 26. April 1903 in Dortmund, bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges findet sich überhaupt nichts verzeichnet. Als zweiten Satz seines Lebenslaufes findet der Leser dann die lapidare Bemerkung: "1946 Mitglied der verfassungsgebenden Landesversamlung, dann des ersten und des zweiten württemberg-badischen Landtages."