Von Imanuel Geiss

Je rascher demokratische Strukturen zu oligarchischen Machtstrukturen erstarren oder sich als Fassaden für oligarchische Machtausübung von oben entpuppen, um so drängender stellt sich heute die Frage, mit welchen Mitteln der notwendige politische Wandel, der Fortschritt einer Demokratisierung von unten bewirkt werden können. Zwei Alternativen bieten sich an: gewalttätige Revolution oder gewaltlose Aktion.

Die Gewalt der Revolution wurde und wird vielfältig durchexerziert, meist mit dem Erfolg, daß sich früher oder später neue Oligarchien etablieren, notfalls mit "revolutionärem" Vokabular. Dagegen fand die Gewaltlosigkeit bisher nur wenige Verfechter – Mahatma Gandhi und Pastor Martin Luther King. Beide kamen gewaltsam ums Leben, als sich ihr politisches Scheitern abzeichnete. Heute wogt noch in den außerparlamentarischen Oppositionsgruppen von den Vereinigten Staaten und Japan bis zur Bundesrepublik Deutschland die Diskussion, welche Alternative man bevorzugen soll.

An diesem historischen und politischen Ort setzt ein Buch ein, dessen Herausgeber und Autoren nachdrücklich die gewaltfreie Methode propagieren

Theodor Ebert/Hans-Jürgen Benedict (Hrsg.): "Macht von unten. Bürgerrechtsbewegung, außerparlamentarische Opposition und Kirchenreform"; in: Konkretionen – Beiträge zur Lehre von der handelnden Kirche, hersg. von Hans-Eckehard Bahr, Bd. 5; Furche Verlag, Hamburg 1968, 207 Seiten, 12,80 DM.

Sammelbände sind oft problematisch. So geht man mit etwas Skepsis an die Lektüre dieses Bands: Bürgerrechtsbewegung, außerparlamentarische Opposition und Kirchenreform – alles unter einem Hut? Zunächst einmal ist der erste Aufsatz von Winfried Steffani über "Martin Luther King: Theorie und Praxis gewaltfreier Aktion" schlicht entbehrlich, weil zu oberflächlich und kritiklos – naiv sowohl gegenüber Gandhi als auch King (ein hartes Urteil, bei dem der Rezensent auch nach dreimaliger Lektüre des Aufsatzes bleibt). Steffani hat, wie viele vor ihm, den (damals noch lebenden) Pastor King als strahlenden Helden der Gewaltlosigkeit stilisiert, der sich von den finsteren "Gewaltverherrlichungs-Prediger(n)" der militanteren "Black-Power"-Gruppen abhebt.

(Es hätte zur intellektuellen Redlichkeit des Autors und zur Sorgfaltspflicht der Herausgeber gehört, darauf hinzuweisen, daß dieser Beitrag, allerdings ohne den Nachtrag nach Kings Ermordung, bereits an anderer Stelle erschienen war, nämlich in der Beilage zum "Parlament".)