Von Ferdinand Ranft

Alsdorf

Alsdorf ist der einzige Ort auf der Welt, wo noch darüber gestritten wird, ob Contergan die Ursache für die große Mißbildungswelle der sechziger Jahre gewesen ist. Im Ausland ist das völlig unbestritten, nur hier nicht!" Mit dieser Auffassung steht der Vertreter zahlreicher Eltern mißgebildeter Kinder, der Siegener Rechtsanwalt und Nebenkläger Schulte-Hillen, keineswegs allein.

In England, Schweden, Norwegen und den USA haben sich die Lizenzfirmen, die dort das Schlafmittel Contergan auf den Markt brachten, beziehungsweise Arzneimittelversuche damit unternahmen, inzwischen weitgehend mit den Geschädigten geeinigt.

Die schwedischen Astra-Werke werden rund einhundert Kindern bis ans Lebensende eine jährliche Rente von je 4600 Mark zahlen. Und die englische Distillers Company zahlte an ein siebenjähriges Kind, das praktisch keine Arme hat, etwa 120 000 Mark Schadenersatz; einem acht Jahre alten Kind ohne Arme und Beine wurden 200 000 Mark zugesprochen. Auch die übrigen 300 thalidomidgeschädigten Kinder in Großbritannien und ihre Eltern können auf eine baldige materielle Entschädigung für ihre Leiden hoffen.

Sogar in der jüngsten Ausgabe des "Neuen Brockhaus" wird die mißbildende Eigenschaft des Thalidomid nicht mehr in Zweifel gezogen. Es heißt dort: "Thalidomid, ein Schlaf- und Beruhigungsmittel (in Deutschland als Contergan gehandelt), das schwere Schädigungen erzeugt: Bei Neugeborenen traten Mißbildungen der Gliedmaßen auf (Phokomelie), wenn die Mutter während der ersten drei Schwangerschaftsmonate Thalidomid genommen hatte. Seither wurde das Thalidomid aus dem Handel genommen."

Die Chemie Grünenthal, als Herstellerwerk des Contergan, hat gegen diese Aussage des Lexikons nichts unternommen. Grünenthal-Justitiar von Veltheim: "Das ist eine bestimmte wissenschaftliche Meinung, die von vielen Wissenschaftlern geteilt wird, die respektieren wir."