Zu scharfen Reaktionen Warschaus hat zu Beginn der Woche die Entführung eines Flugzeuges der polnischen Luftverkehrsgesellschaft LOT geführt. Die Maschine, die sich auf dem Kurs Warschau–Schöneberg (Ostberlin)–Brüssel befand, war am Sonntag mit 72 Personen an Bord von zwei jungen DDR-Bürgern gewaltsam auf den Westberliner Flughafen Tegel umgeleitet worden. Sie hatten den Piloten mit einer Pistole bedroht und dem Bordmechaniker mit dem Pistolenknauf auf den Kopf geschlagen.

Die Fluchtmethode der beiden Mechaniker (19 und 24 Jahre alt) ist von der Bundesregierung scharf kritisiert worden. Das Auswärtige Amt in Bonn erklärte, "alle Akte, die die Sicherheit des internationalen Luftverkehrs bedrohen", seien zu verurteilen. Ostberlin bezeichnete die Flüchtlinge als "Banditen".

In einer Note der polnischen an die französische Regierung wurde die sofortige Auslieferung der beiden DDR-Staatsbürger gefordert; sie befinden sich zur Zeit noch im Gewahrsam der französischen Schutzmacht, in deren Berliner Sektor der Flughafen Tegel liegt.

Es wird damit gerechnet, daß die jungen Männer vor ein Zivilgericht der französischen Militärregierung in Berlin gestellt werden. Bisher ist noch offen, auf welcher Rechtsgrundlage das Verfahren erfolgen könnte. Möglicherweise könnten für die Anklage die im Jahre 1948 von der alliierten Kommandantur in Berlin erlassenen Verordnungen zum Schutz der Luftbrücke herangezogen werden.