Der Oberspielleiter und der Chefdramaturg des Frankfurter Theaters haben in der vergangenen Woche zum Ende der laufenden Spielzeit gekündigt. Eine lange, schwelende Krise am Schauspiel der Städtischen Bühnen ist damit öffentlich geworden. Die Kündigungen von Dieter Reible und Peter Kleinschmidt bedeuten, daß die Hoffnungen der Stadt auf den vor einem Jahr gegen einigen Widerstand zum Intendanten berufenen Ulrich Erfurth und die Hoffnungen Erfurths auf sein junges Team, dem er weitgehende Entscheidungsvollmachten übertragen hatte, zunächst gescheitert sind. Für die Spielzeit 1970/71 ist das Frankfurter Schauspiel nun nicht mehr funktionsfähig.

In einer gemeinsamen Erklärung, die Reible und Kleinschmidt abgegeben haben, interpretieren sie die Schwierigkeiten am Frankfurter Theater als Resultat einer Strukturkrise: Es bedürfe grundsätzlicher Veränderungen, sie zu beheben. Und sie stellen weiter fest: "Der Plan eines künstlerischen Direktoriums ist für unsere Arbeit mehr als ein Ausweg: er beinhaltet ein in die Zukunft weisendes Modell, das in Frankfurt verwirklicht werden und zu einem neuen Selbstverständnis des subventionierten Theaters führen könnte." Mit diesen Sätzen beziehen sich der Regisseur und der Dramaturg auf einen Plan, dem inzwischen schon von dem Frankfurter CDU-Stadtverordneten Korenke die verwegenen Konsequenzen einer Kulturrevolution angedichtet worden sind. Dabei ist das Projekt, von dem die Erklärung spricht, nüchtern besehen, in der Tat die einzige Chance, dem kranken Stadttheater in Frankfurt wieder auf die Beine zu helfen. Die Kündigung der beiden Männer Erfurths versteht sich nicht als resignierender Rückzug, sondern als Hinweis auf ihre bedingungslose Übereinstimmung mit einem Plan, in dem Reible und Kleinschmidt neue Rollen zugedacht sind.

Dieser Plan geht zurück auf Verhandlungen, die Ulrich Erfurth schon vor Monaten mit den Regisseuren Klaus Peymann und Peter Stein geführt hat, als der eine aus dem Frankfurter TAT (Theater am Turm), der andere aus den Münchner Kammerspielen ausgeschieden war. Aus den Gesprächen ist der Vorschlag entstanden, die ohnehin vakante Position des Schauspieldirektors in Frankfurt durch ein Gremium von drei Regisseuren – Peymann, Reible und Stein – zu ersetzen. Dieses Direktorium würde im Verlauf der ersten Monate um die Dramaturgen Kleinschmidt und Dieter Sturm (früher an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer) erweitert, und zwar mit der Zielsetzung, aus dem ursprünglichen Gremium allmählich ein Mitbestimmungsmodell für das künstlerische und technische Personal zu entwickeln.

Zu den wichtigsten Forderungen der drei Regisseure gehört der Anspruch auf eine Verfügung über den für künstlerische Dispositionen vorhandenen Teiletat des Frankfurter Schauspiels in Höhe von augenblicklich knapp zwei Millionen Mark. Diese Forderung ist plausibel und in der Oper der Städtischen Bühnen, unter ihrem Direktor Christoph von Dohnany, ohnehin praktisch bereits erfüllt. Die unbestreitbaren Erfolge der Frankfurter Oper in der ersten Spielzeit der Intendanz von Erfurth sind vor allem zurückzuführen auf die Entscheidungsvollmachten, die sich von Dohnany in seinen Verträgen mit der Stadt gesichert hat. In der neuen Konstruktion wäre Ulrich Erfurth Generalintendant des Verbandes zweier im Prinzip selbständig operierender Einheiten.

Eine andere Forderung der drei Regisseure will die Befreiung des Kammerspiels, der kleinen Werkraumbühne des Frankfurter Theaterneubaus, von den indirekten Abonnementzwängen des Großen Hauses.

Es sind also keineswegs revolutionäre Bedingungen, die Peymann, Reible und Stein stellen. Sie glauben, mit ihren Leistungen – jeder wird zweimal inszenieren – den rapiden Besucherrückgang im Großen Haus aufhalten und das Frankfurter Schauspiel aus der erreichten Talsohle herausführen zu können. Außerdem könnte es ihnen möglich sein, eine Reihe erster Schauspieler nach Frankfurt zu holen, die für dieses Theater ohne sie unerreichbar sind. Die Ausgliederung des Kammerspiels, die eine Herabsetzung des Einnahmesolls dieser kleinen Bühne impliziert, und die Vergrößerung des Ensembles und der Dramaturgie hätten eine Erhöhung des Gesamtetats zur Folge. Sie würde sich aber in vertretbaren Grenzen halten. So wenig das Projekt als eine Machtübernahme linker Regisseure zu denunzieren ist, so wenig ist es auch aus finanziellen Gründen anfechtbar. Gespräche mit Erfurth und der Stadt sind in den letzten Tagen geführt worden. Nun hat sich Erfurth in einer öffentlichen Erklärung überraschend von dem Plan eines Direktoriums distanziert, ohne selber eine andere Lösung vorzuschlagen.

Es kursiert in Frankfurt das Wort eines Lokalpolitikers, der die jüngste Krise der Städtischen Bühnen wehleidig kommentiert hat, mit der Klage: "Ei mae gebbe als Geld und krische kei Ruh." Für Ruhe würden freilich auch Peymann, Reible und Stein kaum garantieren wollen. Aber vielleicht für eine Unruhe, die endlich den Einsatz lohnt. Noch hat jetzt die Stadt, wenn schon Erfurth nicht mitmacht, die Chance, das Modell ohne ihn zu verwirklichen. Peter Iden