Von Eugen Oker

Kleidung unformell", steht im Prospekt des alten, gemütlichen Hochgebirgshotels Fjellstölen (970 m), "doch werden die Herren gebeten, am Samstagabend mit Jack" und Krawatte zu erscheinen." Nicht gerade mit schwarzer, so doch mit dunkler, würde ich raten, denn an diesem Tag (und dem nächsten) gibt es keinen Aquavit. Es ist ganz erstaunlich, daß man aus so etwas Trivialem wie Kümmel so ein exquisites Getränk destillieren kann. Ist der weiße schon fein, vom gelben (garantiert dreißig Jahre alt) kommt man nicht los. Er hält den Vergleich mit jeglichem Edelschnaps der Welt aus: schottischem Whisky, französischem Cognac, edlem Gin.

Aber auch nach diesen Getränken werden sie am Wochenende vergeblich fragen. Nur Portwein und Bier bringt der Kellner. Mehr verbietet ihm ein uraltes Gesetz. Es hat seine achtzig Jahre auf dem Buckel und nichts, aber auch gar nichts mit religiöser Abstinenz zu tun. Ein Handelsvertrag zwischen Norwegen und Portugal steckt dahinter: Fisch gegen Portwein. Aber weil die Norweger partout bei ihrem Aquavit bleiben wollten, beschloß die Regierung: Kein Aquavit am Wochenende und brachte so den ja nicht unüblen, wenn auch milderen Portwein unter die Leute. Inzwischen ist dies ein edler Brauch, geworden, dem die puritanischen Volksschichten fest anhängen, und weil sie zahlreich sind, wird zum Leidwesen der Hotellerie keine Regierung es wagen, das Gesetz zu ändern.

Damit wären wir bei Norwegen, wie es sich heute präsentiert: ein altes Land mit alten Bräuchen. Etliche Leute scheinen freilich das ewige Schweigen der Wälder satt zu haben, vornehmlich die Fremdenverkehrsleute. Sie versuchen, einen nagelneuen Tourismus aufzuziehen.

Seit etwa fünf Jahren findet man ein Netz moderner und erstklassiger Hotels, in denen es sich wohl leben läßt, insbesondere zur Mittagszeit, wenn zum Lunch gebeten wird. Der norwegische Lunch ist ein genialer Trick. Sie machen dort keine Speisekarte. Und brauchen deshalb keinen Ober. Das ist eine ungemeine Wohltat. Es gibt keine Fragen: Was ist das? Wie schmeckt jenes? Denn die Speisekarte (und was für eine!) findet der Gast auf einem riesigen Tisch einfach für ihn aufgebaut. Von der Vorspeise (einem halben Hundert Vorspeisen) bis zum Nachtisch (etlichen Dutzenden).

Niemand fragt ihn, was er gern hätte. Da steht’s, nimm’s! Nichts, wenig, viel, alles: ganz nach Belieben und beliebig oft. Zum gleichen Preis. Die bei uns übliche Frage: Wieviel Brote? erscheint hier unsäglich albern. Wer nimmt schon mehr Brote von zehn verschiedenen Sorten, als er essen kann?

So etwas muß man erst lernen. Am ersten Tag sah mein Teller (meine Teller) aus, als sei ich eben aus achtjähriger Gefangenschaft aus Sibirien zurückgekehrt.