Von Josef Müller-Marein

Sie hatte sich sehr auf Paris gefreut, zumal ich ihr viel erzählt hatte: vom Quartier Latin, von Saint-Germain-des-Prés. Und wir fuhren sofort hierher, ins alte, pittoreske Paris. Sie war enttäuscht. Doch wich die Enttäuschung, als ich sie erst einmal rund um die Place de la Concorde kutschierte und die Champs-Elysees bis zum Are de Triomphe hinauf und wieder herunter. Das war vor vielen Jahren. Heute ist sie in dem alten Viertel am linken Seine-Ufer zu Hause und guckt den Triumphbogen gar nicht mehr an.

Es ist falsch, jemanden, der Paris noch nicht kennt, sogleich in ein Viertel zu führen, das einem selber vertraut ist.

Einmal, als ich in den Louvre ging, um ein Dutzend Bilder anzusehen, fand ich die Frau eines Freundes, verzweifelt auf einem runden Sofa sitzend. Ihr Mann, damals Dramaturg der Berliner Oper, die in Paris gastierte, hatte sie, die von bildender Kunst viel verstand, einfach vorm Louvre abgesetzt. Wohl war sie hier am Ziel ihrer Wünsche und gut untergebracht; er selber hatte ja keine Zeit. Doch war sie erdrückt von der Fülle der Herrlichkeiten. Zum ersten Male in Paris, litt sie an ästhetischen Verdauungsstörungen und hatte obendrein das Gefühl, die Hauptstadt Frankreichs befände sich anderswo. Und am anderen Tage sollte sie wieder in Berlin sein.

In dieser Situation ist ein Louvre-Besuch nicht zu empfehlen. Und ich erbarmte mich. Wir fuhren das linke Seine-Ufer hinunter, machten Station am Invalidendom mit dem Grabmal Napoleons, hielten auch am Eiffelturm, vergaßen die Champs-Elysees nicht und nicht den Bois de Boulogne, wandten uns nordwärts zum Montmartre und blickten vom Hügel, wo die weiße Kirche Sacré Cœur steht, auf die Stadt hinunter, ließen uns im Strom der Fahrzeuge durch enge Einbahnstraßen zur Seine-Insel hinunter treiben. Und hier wandte ich beim Besuch der Sainte Chapelle natürlich den Trick an, den jeder Eingeweihte kennt: Erst tritt man in das untere Gewölbe ein, bewundert die zierlichen Säulen. Danach erst steigt man durch die enge Wendeltreppe zur Halle empor, in der aus den hohen Fenstern das bunte Licht hervorbricht; eine Kontrastwirkung, die niemand vergißt.

Darauf gab ich die Dame zum Stelldichein mit ihrem Manne wieder im Louvre ab. Jetzt stand sie nicht mehr im Leeren zwischen den Bildern.

Es ist also wichtig, sich zuerst eine gewisse Panorama-Erfahrung von Paris zu verschaffen, und sei sie noch so flüchtig. Sonst friert man innerlich; selbst im warmen Sommer.