Von Karl-Heinz Janßen

Ein ironischer Zufall (oder die Tücke des Objektes?) war im Spiel. In derselben Woche, als die ZEIT und der "Kölner Stadtanzeiger" jene Kriegsdienstverweigerer-Studie an die Sonne brachten, die im Frühjahr gemeinsam von Verteidigungsministerium und Militärseelsorge erarbeitet worden war, schrieb der evangelische Militär-Generaldekan Albrecht von Mutius, Leiter des Kirchenamtes für die Bundeswehr, im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt": "Es ist nun tatsächlich gelungen, die kirchliche Arbeit in den Streitkräften so unabhängig von politischen und militärischen Einflüssen zu halten, daß ausländische Geistliche oft mit Neid auf unsere Organisationsform blicken."

Dieser Satz war gewiß im guten Glauben geschrieben, nur erweckte jenes Arbeitspapier eher den Eindruck, als hätten die Vertreter der beiden Kirchen Politisches, Militärisches und Seelsorgerisches nicht säuberlich auseinandergehalten. Die Verfasser mußten sich doch wohl darüber im klaren sein, in welch fataler Weise einige Formulierungen an wilhelminische Zeiten erinnerten, wobei noch am harmlosesten der Satz war, daß "die meisten Wehrpflichtigen es nicht gewohnt sind, ihre eigenen Kraftfahrzeuge, ihre Zivilkleidung und so weiter selbst zu pflegen". (Da ist die "Schule der Nation", wo aus Rekruten erst "richtige Menschen" werden, nicht mehr weit!) Wer die Kriegsdienstverweigerung, wohlgemerkt eines der Grundrechte, das die Bundeswehr zu verteidigen aufgerufen ist, als "Krankheit der Gesellschaft" erachtet, dem freilich stehen solche Gedankengänge wohl an.

Es müsse dem Mißbrauch mit dem Grundrecht des Kriegsdienstverweigerers widerstanden werden, hat Militärbischof Kunst auf die heftige Kritik an der Gemeinschaftsstudie geantwortet. Auch diese Formulierung ist zumindest mißverständlich. Wer will denn entscheiden, ob ein blutjunger Wehrpflichtiger, der den Dienst an der Waffe verweigert, aus den achtenswertesten ethischen Motiven heraus, aus unerträglicher Gewissensnot, aus Unlust am Waffengewerbe oder aus Abneigung gegen Drill und Kasernenmief handelt? Ist jemand, der lieber Kranke in Bethel pflegen will als ein MG zu bedienen lernen, deswegen schon ein "Drückeberger"? Ist ein SDS-Mitglied, das ein Grundrecht in Anspruch nimmt, das ihm zusteht, nur darum schon jemand, der das Gewissen mißbraucht?

Diese Fragen zu bedenken, gehört doch wohl eher zur Aufgabe des Militärseelsorgers als die Beschäftigung mit dem Problem, wie man die "Kampfkraft der Truppe" stärken kann. Kompetenzen und Pflichten der Militärseelsorge sind wieder zur Debatte gestellt. Es sollten beide Seiten zu Gehör kommen: Jene, die zuvörderst das Recht der Minderheiten schützen wollen, denen Kriegsdienstverweigerer "ein Stück Realität in der Welt von heute" bedeuten, und jene, die dem Staate geben wollen, was des Staates ist.

Ein Gutes jedenfalls hat die verspätete Aufregung schon gebracht: Das Verteidigungsministerium versicherte kategorisch, die Pläne für einen waffenlosen Dienst in der Truppe würden "aus rechtlichen und sonstigen Gründen" nicht mehr weiterverfolgt.