Hamburg

In dieser Woche gingen die deutschen Seefahrtsschüler wieder an Bord ihrer Ausbildungsstätten, von denen sie im Mai für fünf Monate abgemustert hatten: Die Seefahrtsschulen zwischen Bremen, Elsfleth und Lübeck machten damals ihre Schotten dicht, und die streikenden Kapitänsanwärter mischten sich unter die Landratten. Ihre Heuer verdienten sie sich als Postboten, Kulissenschieber und Äpfelpflücker – der "Ruf des Meeres" blieb unerhört, und auch die Hauszeitschrift des Verbandes Deutscher Reeder – "Kehr wieder" – appellierte vergeblich an die "Einigkeit der Reeder und Seeleute in der Seefahrt". Grund; Die Schiffsbesetzungsordnung (SBO) von 1931, nach der geregelt sein soll, wie groß die Zahl und wie hoch der Dienstgrad der Offiziere auf Schiffen der Handelsmarine sein darf, hatte Schiffbruch erlitten.

In den letzten Jahren stieg die Zahl der vom Bundesverkehrsministerium erteilten Ausnahmegenehmigungen, nach denen ein Schiff ohne ausreichende Besatzung auslaufen kann, ins Unermeßliche. Im Ministerium selbst ist die Höhe der dort bislang genehmigten Ausnahmen nicht bekannt.

"Wir fanden", so erinnern sich Hamburger Seefahrtsstudenten, "in Bonn lediglich einen Beamten, der sich auf einem Stück Pappe geheime Notizen aufgezeichnet hat, nach denen er täglich und stündlich bei der Ausnahmeerteilung verfährt." Behördliche Anweisungen aber gibt es bis heute nicht. Die Schiffssicherheit, so argwöhnten daher die angehenden Kapitäne und Steuermänner, verminderte sich immer mehr zugunsten wirtschaftlichen Profitdenkens. Aber auch neue, im Bundesverkehrsministerium erarbeitete SBO-Pläne dümpelten zu lange im Fahrwasser der Reederinteressen herum: Ausnahmen sollten nach den ersten Reformvorstellungen die Regel werden, und für die Ausbildungsqualifikation der Schiffsführer wollte man die katastrophale Arbeitsmarktlage zum Maßstab nehmen.

Die Personalsituation an Bord ist in der Tat erschreckend. Freddys Meerwassertränen locken heute kaum noch jemanden an Deck. Und Aberteuer in Rio oder Hawaii? AroundCape Stiff we all must go? Der Duft der großen weiten Welt? Es hat sich längst herumgesprochen – die ganze Fährmasterromantik ist genauso brackig wie das Bordklima. Achtzig Überstunden in der Woche sind keine Seltenheit; das Betriebsverfassungsgesetz gilt nur an Land; die Kojenraumfläche eines Seemanns ist geringer als die Schlafraumfläche eines Häftlings in deutschen Strafanstalten – die Handelsmarine segelte am sozialen Fortschritt vorbei, und im Sog, so fürchten die Seefahrtsstudenten, "kommen immer mehr unqualifizierte Leute die Reeling hochgeklettert".

Der Studentenverband Deutscher Seefahrtsschulen (SVDS) konstituierte im Haus der Evangelischen Studentengemeinde in Hamburg einen ideenreichen Streikrat gegen die unchristliche Seefahrt. Und in der letzten Woche setzten die Studenten schließlich ihre Reformvorstellungen über die notwendigen hohen Befähigungsvoraussetzungen für Führungspatente beim Bundesverkehrsministerium durch. Doch als Ministerialdirektor Tennstadt im Auditorium Maxium der Hamburger Universität eine Übergangszeit bis 1975 ankündigte, in der auch weiterhin Ausnahmegenehmigungen bei "echten Notfällen" erteilt werden, wurde es in den Reihen der streikmüden Studentenvollversammlung wieder lebendig. Keiner der anwesenden Referenten aus dem Bundesverkehrsministerium konnte erläutern, was und wie einem "echten Notfall" verstanden werden darf; man bat vielmehr um Vertrauen, "daß wir nicht zu allem sagen, was die Reederverbände wünschen".

Doch die Seefahrtsstudenten haben in den letzten Monaten gelernt, daß auch in der Schiffahrtspolitik Vertrauen allein nicht ausreicht. Zwar folgten sie der Empfehlung ihres Streikrates und unterbrachen den Streik "unter starkem Vorbehalt und unter Protest"; ein Jungnautiker befriedigt: "Unter die Reeder kommen wir nicht."

Ungeteilten Beifall aber gab es zuletzt für eine vom Streikrat verlesene Resolution: "Wir haben die Notwendigkeit eines Streiks für die gesamte Seefahrt erkannt. Unsere Informationsarbeit an Bord hat gezeigt, daß die Bereitschaft für diesen Streik vorhanden ist und ständig wächst. Ab heute ist unser Ziel, einen Streik für die gesamte Seefahrt vorzubereiten." Sepp Binder: