Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Die Amerikaner haben eine ausgeprägte Neigung, ihre Helden so schnell wie möglich auf Denkmalsockel zu stellen und sie alsdann um so treffsicherer mit faulen Eiern und Tomaten zu bombardieren.

Erst werden aus aufsteigenden Männern, vor allem aus Präsidenten, Supermenschen gemacht, die mit unübertrefflicher Intelligenz ausgestattet, von eisernem Willen beseelt, mit blitzschneller Entschlußkraft versehen und von nimmermüder Schaffenskraft besessen sind. Kaum aber hat dieser Genius ein halbes Jahr im Weißen Haus amtiert, und begeht er einen Fehler oder wird er von einem Ereignis überwältigt, wird flugs nachgewiesen, daß dieser Mann ein schwerer Versager, eine große Enttäuschung und überhaupt ein politisches Zufallsprodukt ist.

Es genügt, daß irgendeine große Zeitung oder ein bekannter Kolumnist diese oder ähnliche Feststellungen trifft, und schon ist der ganze Chor der Stimmen einer zerfleischenden Kritik zu hören.

So ähnlich ergeht es in diesen Wochen auch Richard Nixon, der sogar noch von Glück sagen kann, daß die ihm gewährte Schonfrist so lange – ein gutes Dreivierteljahr seit seinem Amtsantritt – gedauert hat. Doch jetzt klingt ihm aus allen Überschriften und Kommentaren die Enttäuschung derjenigen entgegen, die genau wissen, wie alles besser gemacht werden kann.

Nixon in Schwierigkeiten; der Präsident und seine Kritiker; seine verschlungenen Wege in der Heimat und im Ausland führen nirgendwohin – so etwa lauten die Schlagzeilen und lautet der Tenor der Kommentare zu seiner Amtsführung. Diese Kritik beschränkt sich keineswegs auf Nixons Vorgehen in Vietnam, obgleich sie hier durch die wiederaufbrandenden Demonstrationen besonders wirksam gemacht wird. Sie erstreckt sich auf seine gesamte Innen- und Außenpolitik und natürlich auch auf sein persönliches Verhalten, das jeden alten Verdacht rechtfertige.