Der Tag des leeren Kanzlerstuhls im Bundestag

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn‚ im Oktober

Zwanzig Minuten vor dem Machtwechsel stieg die Spannung auf den Siedepunkt. Die geheime Abstimmung mit verdeckten Karten in besonderen Wahlzellen war beendet; nun wurde ausgezählt. Aus dem Plenarsaal strömten die Abgeordneten in die Lobby und in die Seitentrakte, ihnen folgten die Heerscharen der Schlachtenbummler, Schaulustigen und Journalisten. Aufs neue wurde der Raum vor dem Plenum zu jenem brausenden Zentrum, das er schon in der Wahlnacht gewesen war, als sich immer deutlicher abzeichnete, daß die Stimmenergebnisse den Umschwung erlauben würden, als sich ankündigte, was jetzt zur Realität zu werden versprach.

Den vielen Hunderten, die in der Lobby beisammen standen, war das Gefühl gemeinsam, daß nun das Schicksal seinen Lauf nehme. Nichts ließ sich mehr ändern oder beeinflussen, die Stimmkarten lagen in der gläsernen Urne, für und gegen Willy Brandt. wie um diese Ohnmacht zu betäuben und die kurze Spanne bis zum Ende der Auszählung weiter zu verkürzen, redete jeder auf jeden ein. Der Lärm war unbeschreiblich, und ebenso unbeschreiblich war die Stille, die augenblicklich eintrat, als die Glocken schrillten um anzuzeigen, daß die Auszählung beendet war. Hatte vor einer Sekunde noch ein Stimmeninferno geherrscht, so war jetzt nur noch das Scharren und Trappeln der Füße all derer zu hören, die in den Plenarsaal und auf die Tribünen zurückeilten. Nach einer Minute lag die Lobby verlassen da.

Im Plenum drängte sich eine dichte Traube von Abgeordneten um jenen mit grünem Filz bespannten Tisch auf der Regierungsempore, auf dem gezählt, verglichen und summiert worden war. Aus ihr löste sich Manfred Schulte, einer der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, und schritt auf Willy Brandt zu. Wie eine Wellenbewegung ging es durch das Parlament; alle verfolgten seinen Weg. Manfred Schulte brachte Willy Brandt das vorläufige Endergebnis, und schon schoß es aus den sozialdemokratischen Reihen wie eine Springflut auf Brandt zu: zehn, zwanzig, dreißig wollten als erste gratulieren. Aber Willy Brandt brachte diese Springflut mit einer fast herrischen, nach unten, auf die Plätze weisenden Geste zum Stillstand, als wolle er es selbst noch nicht glauben oder jedenfalls die Würde des Augenblicks gewahrt wissen.

Als Kai-Uwe von Hassel das offizielle Resultat verkündet hatte, und den Kanzlerkandidaten fragte, ob er die Wahl annehme, da kam das "Ja, ich nehme die Wahl an" mit jener knappen, schnellen Entschiedenheit, die Willy Brandt schon in den drei Wochen nach der Bundestagswahl bewiesen hatte und die ihn in den Augen vieler zu einem ganz neuen Willy Brandt machte. Noch einmal klang in seiner Stimme die Entschlossenheit nach, die einmalige Chance nicht aus dem Griff zu lassen. Dann prasselte der Beifall, ja Jubel – nicht nur bei den Sozialdemokraten und freien Demokraten, sondern auch, was gegen das Protokoll war, von der Zuschauertribüne und sogar von der brechend überfüllten Empore, auf der die von Berufs wegen zur Skepsis neigenden Presseleute sitzen. Bis in die Ränge hinauf bereitete das Haus Brandt eine Ovation, gegen die die Ruhe und Regungslosigkeit auf den Banken der Christlichen Demokraten doppelt abstachen.