Von Karl-Heinz Janßen

Ein scharfer Ostwind fährt durch die menschenleeren Straßen Berlins. Fröstelnd strebt der Theologiestudent Hans Flöter seiner Bude zu. Er hat bis spät in den Abend dieses 27. Februar 1933 in der Staatsbibliothek Unter den Linden gearbeitet. Verlassen und dunkel liegt der mächtige Block des Reichstages. Als Flöter an der Frontseite vorbeihastet, scheppert über ihm Glas. In einem Fenster neben dem Hauptportal entdeckt er eine Gestalt mit einem Feuerbrand. Es ist kurz nach 21 Uhr. Ohne sich zu besinnen, rennt Flöter los und holt einen Polizisten herbei.

Noch zwei andere Passanten haben den Einbruch des Brandstifters beobachtet. Einer, der junge Schriftsetzer Werner Thaler, ist auf die Brüstung gesprungen; er will im trüben Licht der Straßenlaternen sogar zwei Gestalten ausgemacht haben. Drinnen huscht nun von Fenster zu Fenster der Feuerschein. Der herbeigeeilte Oberwachtmeister Karl Buwert gibt einen Schuß ab; der Spuk verschwindet im Innern des Gebäudes. Indessen alarmiert der dritte Passant die Polizeiwache am nahen Brandenburger Tor: "Sofort kommen. Der Reichstag brennt!"

Polizeileutnant Emil Lateit und zwei Wachtmeister rasen mit dem Überfallwagen los. Etwa um zwanzig nach neun dringen sie mit dem inzwischen herbeigerufenen Hausinspektor Alexander Scranowitz in den Reichstag ein. Sie stürmen die Treppen empor. In der Wandelhalle, im Restaurant, im Stenographenraum entdecken sie viele kleinere Brände. Am schlimmsten sieht es im Plenarsaal aus. Über dem Präsidententisch lodert eine mächtige "Flammenorgel" (es waren die brennenden Portieren); der Hausinspektor will überdies auf den vorderen Reihen der Abgeordnetensitze etwa 25 Feuerchen gesehen haben – vielleicht war es auch nur der Widerschein der brennenden Vorhänge auf den polierten Pulten.

Im Südumgang ergreifen Hausinspektor und Polizisten schließlich einen halbnackten, schwitzenden, kräftigen Burschen mit wirren Haaren, der sofort die Arme hochreißt. Auf die zornige Frage: "Warum hast du das gemacht?" antwortet er nur: "Aus Protest." Sein Paß weist ihn aus als den 24jährigen Holländer Marinus van der Lübbe aus Leiden. In seinen abgelegten Kleidern, die er als Zünder benutzt hatte, findet man ein kommunistisches Flugblatt. Bald weiß die Polizei von ihren holländischen Kollegen, daß sie einen "Kommunisten" vor sich hat, obschon der Verhaftete dies bestreitet.

Wer konnte von den Beamten erwarten, daß sie auf Nuancen achteten: Der arbeitslose Maurergeselle und Tippelbruder van der Lübbe war ein "Antiautoritärer", ein "Rätekommunist" und "Anarchist", der sich keiner Parteidisziplin unterwarf. Aber hatte er nicht im ersten Verhör zugegeben, daß er die deutschen "Arbeiter zum Kampf für die Freiheit" habe aufrütteln wollen? In jenen Tagen, vier Wochen nach der Machtübernahme durch Hitler, mitten im Reichstagswahlkampf, nach Jahren des quasi-Bürgerkrieges auf den Straßen, der den Antikommunistenkomplex der Bürgerlichen und den Haß der Nazis auf die Linken bis zum Exzeß gesteigert hatte, in dieser geladenen Atmosphäre wartete alles auf den so oft angekündigten "Aufstand der Roten". Nach der Verhaftung des Holländers und nach der Entdeckung, daß der KPD-Fraktionsführer Ernst Torgler zusammen mit einem Abgeordneten seiner Partei und seiner Sekretärin als letzter das Parlamentsgebäude verlassen hatte, gab es für die Mehrheit des Volkes kaum noch einen Zweifel, daß die Kommunisten ein Feuerzeichen setzen wollten.

Hitler war an diesem Abend bei Familie Goebbels zu Gast. Vom Essen weg begab er sich in den brennenden Reichstag, wo ihn Hermann Göring, Reichstagspräsident und preußischer Polizeiminister, bereits erwartete. Göring hatte, als er das Wort "Brandstiftung" hörte, gleich gewußt: "Die Kommunistische Partei ist die Schuldige am Reichstagsbrand!" Seinen Mitarbeiter Rudolf Diels, Leiter der Abteilung IA im Berliner Polizeipräsidium und bald auch erster Chef der Gestapo, empfing er mit den Worten "Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes, sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute versäumt werden!" Und Hitler, als er mit seinem Gefolge lange in das Höllenfeuer im Plenarsaal gestarrt hatte, drehte sich plötzlich um und schrie unbeherrscht: "Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr."