Im Süden und Südwesten der Bundesrepublik steigen die Bierpreise. Die norddeutschen und westdeutschen Bierbrauer haben dagegen auf die gestiegenen Material- und Lohnkosten noch nicht reagiert. Das liegt am Wettbewerb – er ist so hart, daß der Bierpreis von den Produktionskosten kaum beeinflußt wird. Große westdeutsche Brauereien sind gezwungen, ihre durch Fehlinvestitionen entstandenen Überkapazitäten durch die Produktion von Billigpreisbier auszulasten. Das macht sich nicht nur in Westdeutschland bemerkbar. Auch im norddeutschen Raum, wo der Bierpreis noch immer vergleichsweise hoch ist, verhindert die westdeutsche Bierproduktion Preissteigerungen.

Die norddeutschen Brauereien sehen so im Augenblick noch keine Möglichkeit, ihr Bier zu verteuern. "Aber das ist nur eine Frage der Zeit", sagte Vorstandsmitglied Dr. Bruno Kaiser von der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei, Hamburg, die mit einem Bierausstoß von mehr als einer Million Hektoliter zu den Großen der Branche zählt. "Bis Mai passiert nichts!"

Man spekuliert auf den Sommer. Die deutschen Biertrinker werden, wenn der Durst groß ist, höhere Bierpreise hinnehmen, so hofft man.

Wenn die Brauereien ihre Gewinnmargen auf bisheriger Höhe halten wollen, müßten sie ohne Preiserhöhungen – so rechnete Dr. Kaiser für seine Brauerei vor – eine Umsatzsteigerung von drei bis fünf Prozent erzielen, Das wird kaum möglich sein. Denn der zurückliegende Sommer war mit seinen heißen Tagen wohl eine einmalige Angelegenheit.

Es ist zweifelhaft, ob die jetzt einsetzende Konsumwelle den Bierausstoß noch einmal steigern wird. Der Markt ist weitgehend ausgeschöpft. Für die Brauereien kann es nur noch um eine Neuverteilung der Marktanteile gehen.

Der Biertrinker kann sich trösten: der Konkurrenzkampf verhindert extreme Verteuerungen, Die Leidtragenden sind die Aktionäre. Dr. Kaiser wird seinem Aufsichtsrats trotz des im vergangenen Geschäftsjahr erzielten Rekordergebnisses keine höhere Dividende empfehlen. Er muß sein Geld für die Investitionsfinanzierung zusammenhalten. Dafür braucht er bis 1973 etwa 30 Millionen Mark. Da die Brauerei praktisch schuldenfrei ist, brauchen die Aktionäre nicht in die Tasche zu greifen. kw