"Wenn Sie einen Erzherzog oder den Kaiser erschlagen wollen, möchten Sie sich sicher auch mit jemandem beraten. Mehr Leute haben mehr Verstand. Der eine rät dies, der andere wieder etwas anderes, und so wird das Schwerste leicht vollbracht."

Soldat Schwejk

An unseren Universitäten gärt es; Studenten, Assistenten und fortschrittliche Professoren haben endlich eine Reform in Gang gebracht. Aber auch auf unsere Großforschungszentren ist der reformerische Funke übergeschlagen, und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg macht dabei keine Ausnahme. Erschlagen wollen Studenten und Assistenten niemanden, doch auch sie meinen, wie der Soldat Schwejk, daß man sich beraten müsse, wenn man "das Schwerste leicht vollbringen will". An den Hochschulen geht es darum, Studenten angemessen an den Entscheidungen der Universität zu beteiligen und zugleich die Voraussetzungen zu schaffen, daß sinnvoller Unterricht trotz Massenbetrieb möglich ist. An den Forschungsinstituten treten Fragen des Unterrichts naturgemäß in den Hintergrund; hier geht es in erster Linie darum, wissenschaftsspezifische Strukturen zu finden, die effektives, aber auch attraktives Arbeiten ermöglichen.

Gerade am Heidelberger Krebsforschungszentrum sind diese Probleme besonders dringlich: 1. Für die Universität Heidelberg hat die Zukunft schon begonnen; im Dezember tritt die neue Grundordnung der Hochschule in Kraft. Würde das Krebsforschungszentrum nicht "mitziehen", würde es zum letzten Reservat "alter Ordinarienherrlichkeit". 2. In weniger als zwei Jahren wird das neue Hochhaus für das Krebsforschungszentrum stehen. Neue Organisationsformen müssen daher heute schon erprobt werden. Beim Einzug in die "Endstufe" wäre es zu spät; zu viele Probleme müßten dann zugleich gelöst werden.

Der Konvent der wissenschaftlichen Mitarbeiter am DKFZ hat daraus die Konsequenzen gezogen: Er hat einen Strukturausschuß gegründet und der Vollversammlung der Wissenschaftler bereits einen Strukturentwurf vorgelegt, der von einer überwältigenden Mehrheit gebilligt wurde.

Der erste Hauptsatz für eine künftige Struktur lautet: In der Wissenschaft kann und darf es keine Weisung geben. Dieser Satz ist Kernpunkt unserer Überlegungen, und wir sind sicher, daß nur wenige der Meinung bleiben wollen, daß Wissenschaft durch Weisungen gefördert wird. Wissenschaftliches Arbeiten – wie wir es hier am Zentrum betreiben – setzt Interesse und Verständnis voraus. Beides aber, Verständnis und Interesse, lassen sich nicht durch Weisungen wecken, dazu sind Überzeugungskraft und Argumentation nötig. Immer wieder wird Weisung mit Unterweisung verwechselt; selbstverständlich braucht der Anfänger und der Unerfahrene Unterweisung, Weisungen braucht er nicht.

Sehr oft entstehen wissenschaftliche Projekte erst in der gemeinsamen Diskussion. Dabei läßt sich immer wieder die Beobachtung machen, daß Anteile und Prioritäten sich um so weniger auseinander sortieren lassen, je besser ein Team zusammen diskutiert. Der kollegialen Diskussion sollte daher auch die kollegiale Verantwortung entsprechen. Unser Strukturvorschlag ist daher in erster Linie eine Reform der wissenschaftlichen Willensbildung.