Wirtschaftsforscher sagen voraus: Von Mitte 1970 an wird der Preisauftrieb schon wieder nachlassen

Ein ungewohntes Bild: Rudolf Augstein und Peter Boenisch Arm in Arm. Am Samstag erscheint Bild mit der Schlagzeile "Fast alles wird teurer", am Montag verkündet der Spiegel, in Bonn beginne nun der "Kampf gegen Inflation". Es muß schön sein, den Bürgern so richtig Angst einjagen zu können – fürchten die Deutschen doch kaum etwas so sehr wie Geldentwertung.

Gewiß darf man davon ausgehen, daß die beiden Zeitungen (wie andere) aus unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Motiven handeln. Bild will natürlich die Verantwortung für das kommende Unheil Brandt und Schiller zuschieben, der Spiegel Kiesinger und Strauß. Während die einen schreiben "Jetzt haben wir den Salat", versuchen die anderen wieder einmal den Nachweis zu führen, die unterlassene Aufwertung sei an allem schuld.

Wenn es wirklich zu einer gefährlichen Teuerungswelle kommen sollte, deren Höhepunkt im Frühjahr oder Frühsommer liegen würde, wäre den Bürgern wohl nur schwer klarzumachen, daß eine längst abgetretene Regierung dafür verantwortlich sein soll. Schließlich räumen inzwischen auch entschiedene Aufwertungsbefürworter unter den Nationalökonomen ein, daß wir keine "importierte", sondern eine "hausgemachte Inflation" erleben. Boenisch hat also mehr Aussicht als Augstein, die erwünschte Wirkung zu erreichen: Beim Spiegel hat sich noch nicht herumgesprochen, daß nun – nach der Wahl – Schiller durch Dramatisierung des Preisauftriebs kein Gefallen mehr, erwiesen wird.

Die neue Regierung muß nämlich dem Wachstum der Wirtschaft Vorrang vor der Index-Stabilität einräumen – ob sie will oder nicht. Und sie will auch. Wie wenig Karl Schiller im Ernst an eine Politik der Konjunkturdämpfung denkt, ergibt sich schon aus den Koalitionsvereinbarungen. Mitten im Boom sollen die Steuern gesenkt (Abbau der Ergänzungsabgabe, Verdoppeln der Arbeitnehmerfreibeträge), die Ausgaben (Beispiel: Kriegsopferversorgung) erhöht werden. Natürlich wird die neue Regierung das alles "Stabilitätsprogramm" nennen – aber wen interessiert das Spiel mit Worten?

Schiller handelt auch nur vernünftig, wenn er sich von der Inflationshysterie nicht anstecken läßt und auf Wachstumskurs bleibt. Der Preisauftrieb wird sowieso milder ausfallen als erwartet. Natürlich wird die Preissteigerungsrate nun erst einmal über drei Prozent hinausgehen, aber die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute haben soeben vorausgesagt, daß ab Sommer 1970 schon wieder mit einem Rückgang auf etwa 2,5 Prozent zu rechnen ist. Da lohnt doch wirklich kein Geschrei...

Entscheidend aber ist etwas anderes. Im Jahr 1967, das den Stabilitätsaposteln als Idealjahr erscheinen muß, hat die Preissteigerung nur 1,4 Prozent betragen. Freilich gab es auch kaum Lohnerhöhungen, Überstunden wurden gestrichen – kurzum, die Wohlstandssteigerung betrug praktisch Null. Im Jahr 1969 dagegen, das uns den von vielen beklagten Boom gebracht hat, klettern die Preise schneller – aber die Löhne schießen in die Höhe. Von gut zehn Prozent Lohnerhöhungen wird eine reale Wachstumsmehrung von sieben Prozent übrigbleiben. Und 1970 werden die Löhne sogar um zwölf Prozent steigen (so die Prognose der Forschungsinstitute), bei vielleicht drei Prozent Geld wertschwund.

Wer soziale Symmetrie wünscht, muß sich doch über "die heftigste Lohnexplosion der Nachkriegszeit" (Spiegel) freuen. Besser doch reale Wohlstandssteigerung bei etwas stärkerem Preisauftrieb als Stagnation bei relativer Preisruhe. Gewiß, die Deutschen wünschen "Stabilität". Aber eine Regierung soll nicht Vorurteile der Bürger beschwichtigen, sondern ihren Interessen dienen. Diether Stolze