Man wollte ihren Tod. Der Prozeß, den man ihr machte, war kaum mehr als eine Farce. Sie aber hat trotzdem – wie später einer ihrer Verteidiger behauptete – immer noch Hoffnung gehabt. Es war eine verzweifelte Hoffnung, leben zu dürfen, leben für ihre Kinder.

Doch gerade eines ihrer Kinder brachte man dazu, gegen sie auszusagen. Sei es, daß man die Anklage für zu schwach hielt, sei es, daß man – was wahrscheinlicher ist – die Angeklagte vor der Öffentlichkeit und für alle Zukunft als über jedes Maß unmoralisch hinstellen wollte, jedenfalls brachten die Vertreter der Anklage Zeugen bei, denen zufolge die Siebenunddreißigjährige mit ihrem acht Jahre alten Sohn Unzucht getrieben habe. Der Junge, der seit der Verhaftung seiner Mutter bei einem fremden Ehepaar lebte, war dort – so hieß es – "mehrmals im Bett... bei Gewohnheiten angetroffen worden, die seiner Gesundheit schadeten". Auf Befragen habe er "zu verstehen gegeben, er sei in diesen Praktiken von seiner Mutter und seiner Tante unterrichtet worden ...".

Eine Kommission, die das untersuchen sollte, vernahm dazu auch seine etwas ältere Schwester, die später darüber berichtete: "Man stellte mir tausend niederträchtige Fragen über meine Mutter und meine Tante. Ich war entsetzt und so wütend, daß ich bei aller Angst nicht umhin konnte, ihm zu sagen, daß dies eine Gemeinheit sei; trotz meiner Tränen beharrten sie auf ihren Fragen; es gab vieles, was ich nicht verstehen konnte, aber das, was ich verstand, war so schrecklich, daß ich vor Zorn weinte." Während die Schwester immer wieder erklärte, sie wisse von jenen Dingen nichts und habe nie etwas gesehen, blieb der Junge bei seinen Aussagen, und nach einem zweistündigen Verhör mußten die Kinder das Protokoll unterschreiben.

Im Gerichtssaal hieß es dann: "Aus den Aussagen, die der Junge... gemacht hat, geht hervor, daß die beiden Frauen ihn häufig zwischen sich schlafen ließen und ihn zur Unzucht verführten; es kann demnach kaum ein Zweifel bestehen, daß zwischen Mutter und Sohn ein Akt der Blutschande stattgefunden hat." Und in der Anklageschrift war von "Unsittlichkeiten" die Rede, die "auszudenken oder zu nennen allein schon vor Abscheu erbeben ließen".

Die Angeklagte hielt es für unter ihrer Würde, zu solchen Vorwürfen überhaupt etwas zu sagen. Erst als der Vorsitzende auf einer Antwort bestand, sagte sie: "Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah dies, weil die Natur sich weigert, auf eine solche Beschuldigung gegen eine Mutter etwas zu erwidern. Ich wende mich an alle Mütter, die sich hier befinden mögen." Im weiteren Verlauf der Verhandlung war von diesem Punkt nicht mehr die Rede.

Unmittelbar nachdem das Todesurteil gesprochen worden war, schrieb sie ihrer Schwägerin, der Tante ihrer Kinder, einen Abschiedsbrief. Darin heißt es:

"Es bedrückt mich tief, meine armen Kinder zu verlassen. Sie wissen, ich habe nur für sie gelebt ... Anläßlich des Prozesses habe ich erfahren, daß meine Tochter von Ihnen getrennt worden ist. Die arme Kleine! Ich wage es nicht, ihr zu schreiben, sie würde meinen Brief nicht erhalten – weiß ich doch nicht einmal, ob dieser hier Sie erreichen wird. Empfangen Sie für die beiden Kinder hierdurch meinen Segen. Ich hoffe, daß sie eines Tages, wenn sie größer sind, sich wieder mit Ihnen vereinigen und dann Ihre zärtliche Fürsorge werden genießen können. Mögen sie beide an das denken, was ich sie unablässig gelehrt habe: daß die Grundsätze und die gewissenhafte Befolgung der Pflichten das wichtigste Fundament des Lebens sind, daß die Freundschaft und das Vertrauen, das sie einander entgegenbringen werden, sie glücklich machen wird. Möge meine Tochter als die ältere fühlen, daß sie ihrem Bruder immer beistehen muß mit den Ratschlägen, die ihre Liebe und die größere Erfahrung ihr eingeben werden. Möge mein Sohn hinwieder seiner Schwester alle Fürsorge und alle Dienste erweisen, die sich aus der Freundschaft ergeben ... Möge mein Sohn niemals die letzten Worte seines Vaters vergessen, die ich ihm jetzt sehr ernst schreibe: Er darf niemals danach trachten, unseren Tod zu rächen!