Mit Kritik an der Regierungserklärung, mit Selbstkritik und einer Vergrößerung ihrer Fraktionsspitze haben die Unionsparteien ihre neue Aufgabe als Opposition in Angriff genommen. In einer ersten Stellungnahme zur Regierungserklärung Brandts erklärte der Pressedienst der Union, die "Minikoalition" könne sich darauf verlassen, daß ihr nichts geschenkt und ihr keine konkrete Antwort auf präzise Fragen erlassen werden.

Selbstkritisch über seine Partei äußerte sich der ehemalige Bundeskanzler Kiesinger. Der CDU-Vorsitzende, der unter dem Wahlslogan "Auf den Kanzler kommt es an" angetreten war, stellte in einem Interview mit dem Südwestfunk fest: "Ich glaube, die CDU hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf ihre Kanzler verlassen." Die CDU sei keine "Mitglieder-Partei" geworden, weil sie zu sehr auf die "charismatische Kraft des Kanzlers" gesetzt habe.

Laut Kiesinger wird es auf dem CDU-Mainz kein "Scherbengericht" geben. Wie die hessische CDU auf einer gemeinsamen Sitzung von Landesvorstand und Landesausschuß forderte, soll auf dem Bundesparteitag aber zumindest über weitgehende organisatorische, personelle und programmatische Reformen der Partei gesprochen werden.

Die Spitze der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist bereits neu organisiert worden. Der Fraktionsvorsitzende Barzel, der zuvor mit großer Mehrheit wiedergewählt worden war, hat künftig sieben statt sechs Stellvertreter. Es wurden gewählt: Richard Stücklen, Gerhard Stoltenberg, Annemarie Griesinger, Heinrich Windelen, Manfred Wörner, Hans Katzer und Detlev Struve. Von den parlamentarischen Geschäftsführern wurden Will Rasner, Josef Rösing und LeoWagner in ihren Ämtern bestätigt und die Abgeordneten Olaf von Wrangel und Heinrich Köppler neu hinzugewählt. Die sechs Arbeitskreise der Unions-Fraktion werden künftig führen: Ernst Benda (Allgemeines und Recht), Ernst Müller-Hermann (Wirtschaft), Wolfgang Pohle (Finanzen und Steuern), Hermann Götz (Soziales), Werner Marx (Außenpolitik) und Berthold Martin (Kultur).