Von Karoll Stein

Hannah Hoch, Hannah vorwärts und rückwärts, wie Anna, Anna Blume: "Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du / Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne..." Kurt Schwitters hat ihr das zweite "h" angehängt, sie war mit ihm befreundet wie mit den meisten Dadaisten in Berlin, in Hannover, mit der Gruppe Stijl in Holland.

Vor dreißig Jahren, als fast alle Freunde und Mit-Dadaisten Deutschland verlassen hatten, hat sie sich in die abseitige Idylle am Stadtrand von Berlin zurückgezogen, nach Heiligensee, mit einer großartigen Dokumentensammlung, Zeitschriften, Manifeste, Arbeiten der Freunde, Dinge, die ohne ihre heimliche Sammeltätigkeit gewiß während des Dritten Reichs verlorengegangen wären. Noch heute lebt sie dort in einem Knusperhäuschen inmitten eines üppig wilden Gartens, prächtige Blumen, Obst, ein Walnußbaum, wir sammeln die Nüsse vom Boden: "Damit nicht über Nacht die Mäuse der Nachbarschaft in meinen Garten kommen."

Hier im romantischen Abseits haben die Auguren des Kunstbetriebs sie lange Zeit übersehen. Aber viele der jüngeren Berliner Maler und Schriftsteller besuchen sie regelmäßig. Lebhaft verfolgt, sie neue künstlerische Tendenzen, und umgekehrt entdecken die Jungen die erstaunliche Aktualität ihrer Arbeiten. Etwa das Bild "Roma" von 1925: spezifische Elemente der Dada-Collage sind ingeniös ins Medium des Tafelbilds eingebracht, die großfigurige Mittelgruppe dagegen, um 90 Grad versetzt, architektonische Reminiszenzen, eingeblendete Straßenszenen. Pop Art und Neuer Realismus sind hier antizipiert und, man wagt es kaum zu sagen, auch übertroffen.

Aber sie ist nicht bei den bildnerischen Lösungen der zwanziger Jahre geblieben. "Ich habe mich nie festlegen lassen. Es ist langweilig, jahrzehntelang die Jugendarbeiten zu variieren. Ich habe immer etwas Neues ausprobieren müssen. Das ist sicherlich nicht der kürzeste Weg zum Erfolg. Aber mir war es wichtiger, immer wieder neue künstlerische Möglichkeiten zu finden." Sie arbeitet immer noch intensiv. "Ich habe so viele Pläne, Ideen, Skizzen, ich möchte hundert Jahre alt werden, um das alles zu verwirklichen – ach, besser gleich zweihundert Jahre."

In der Glasveranda zwischen Blumen und Blattpflanzen trinken wir Kaffee, dann gehen wir durch das Haus – ein halbes Jahrhundert wird besichtigt. Hinter den Glasscheiben eines Vertikos sind kleine und winzige Schnurrpfeifereien aufgebaut. Sie holt ein Buch hervor, vom Durchmesser etwa eines Quadratzentimeters. Mit einer Lupe können wir das Vaterunser lesen, auf sieben Seiten in sieben Sprachen gedruckt. "Ich habe immer nur kleine Sachen gesammelt, die großen habe ich gleich weggegeben", sagt Hannah Hoch, die selbst sehr klein und zierlich ist. Das meiste ist nicht sehr wertvoll, keine Sammlerstücke, aber an all diesen skurrilen Gegenständen hängt eine Geschichte, das Ganze gleichsam eine Collage ihrer Vita, im ironischen Dadageist witzig drapiert. Zufälliges, Restbestände des Alltags, sie liest es auf, spielt damit. Einem gläsernen Hahn ist ein japanisches Ei untergeschoben. Eine Hochzeitsgruppe industrieller Nippes hat sie auf glänzenden Damast montiert. Das Banale kostbar machen, Poesie aus Abfall und Lumpen, wie in ihren Collagen, etwa der von 1922 "Meine Haussprüche".

Ein großes Biedermeier-Ei aus massivem Glas, eine Art Stopfei, war das erste Stück der Sammlung. "Ich habe schon als Kind zu sammeln angefangen. Damals bekam ich das Ei geschenkt. Später sollten die Geschwister damit spielen. Aber ich habe es ihnen weggenommen, damit sie es nicht kaputt machten." Sie war die älteste von Fünfen, zwei Brüder, zwei Schwestern, für die sie als junges Mädchen sorgte, in einer thüringischen Kleinstadt. So ungewöhnlich das damals für ein Mädchen aus bürgerlicher Familie war: Sie hatte immer gewußt, daß sie Malerin werden wollte.-Die Mutter hatte künstlerisch, dilettiert. "Die Bilder versteckte, die Mutter im Kleiderschrank. Ich habe ihre Palette aufbewahrt." Requisiten der Familie sind in der Vitrine versammelt, ein Schreibservice der Urgroßmutter, Tintenfaß, und Streusanddöschen aus Porzellan. "Wir waren eigentlich eine sehr harmonische Familie. Als ich nach Berlin ging, um zu studieren, wollte ich keinen Skandal, und so blieb ich dem Vater zuliebe noch einmal ein Jahr in Gotha und arbeitete in einem Büro. Er hoffte wohl, daß ich mich in dieser Zeit verheiratete."