Der Nobelpreis und der irischfranzösische Schriftsteller

Von Hellmuth Karasek

Als kürzlich in Berlin, in der Werkstatt des Schillertheaters, die Premiere des "Letzten Bandes" zu Ende war, da versuchte das Publikum den Autor und Regisseur Samuel Beckett vergeblich zu seinem sich verbeugenden Schauspieler, zu Martin Held herbeizuapplaudieren. Held schien sich einmal suchend nach Beckett umzusehen, doch er blieb unsichtbar.

Am nächsten Morgen, auf dem Flugplatz Tempelhof, konnte man ihn an der Seite seines deutschen Verlegers sehen – wenn man da zufällig auch auf sein Flugzeug wartete. Eigentlich niemand hat die beiden beachtet, ja auch nur recht wahrgenommen: Becketts vielzitierte, vielbemurmelte Scheu und Zurückhaltung sind keine Attitüde – und noch bevor man darüber sinnieren wollte, wie sie mit seinem Werk korrespondieren, wie sie ihm entsprechen, sollte man sich klar darüber sein, wie wenig stör- und angreifbar die Lebensgewohnheiten eines Schriftstellers sind, der dann, wenn von unseren Ängsten, Verstümmelungen, Bedrohungen und Kümmernissen die Rede ist, rasch schlagwortartig herbeizitiert wird und dem es doch gelungen ist, unbekannt und verborgen zu bleiben. Von keinem anderen lebenden Schriftsteller weiß und kennt man sowenig Privates, gibt es sowenig Äußerungen. Beckett, der sich weigert, zu den Mißverständnissen seiner Exegeten durch die Selbstinterpretation beizutragen, hat auch sein Leben, so gut es nur ging, vor unserer Neugier und unseren Ansprüchen verschlossen.

Und das, ohne daß dabei jene Einsiedler-Koketterie entstünde, die hier den "Dichter" und da den "Lärm der Welt" und dazwischen eine weihevolle Grenzlinie sehen will.

Mit Beckett ist das anders. Selbstverständlich ist er dort, wo seine Stücke aufgeführt, probiert werden: so beim Fernsehen in Stuttgart, so bei Londoner Proben, so zweimal in Berlin, wo er die wohl nicht zu übertreffenden Inszenierungen seines "Endspiels" und seines "Letzten Bandes" lieferte. Schon hierin zeigt sich, daß er zu dem exzessiven Prozeß der Beckett-Interpretation nicht etwa schweigt, weil er dazu nichts zu sagen hätte.