In Berthold Viertels Zügen war, neben dem Gescheiten und Sinnlich-Besinnlichen, immer etwas Närrisches – wie bei vielen von künstlerischer und illuminärer Leidenschaft Besessenen, Auch Frank Wedekind zeigte weniger eine Faunsals eine Clownsvisage. Es ist die Narrheit, Närrischkeit, der "lustigen Person" aus dem früheren Dramenarsenal, welche gar nicht so lustig ist, sondern ihre Heiterkeit und ihre Grimasse aus dem Wissen um die verzweifelte Dualität des Menschenwesens, aus Lebensweisheit und Lebensklage, aus Liebe, Trauer und Zorn wie aus letzten Oktobertrauben keltert. Dies alles war um seinen Hause. auf seiner Stirn, in seinen Augen zu Hause. Vermächtnisse mischten sich da aus Orient und Okzident zu einer Gattung, einem Gesicht von west-östlicher Polarität. Die Stirn, unter kräftigem, in der Erregung leicht gesträubtem Haar, war die eines talmudischen Lehrmeisters, aber auch eines stets neuer Dinge begierigen Scholaren, Mund und Nase waren etwas schräg zueinander gestellt und zeugten von wacher Sinnlichkeit, in jedem Betracht, nicht nur in dem des Geschlechts; in den hell-dunklen Augen, deren Pupillen sich zum scharfen Sehschlitz verengen, aber auch zu kindlichem Staunen erweitern konnten, wohnte – mehr als im Mund – Lachbereitschaft, und eine, selbst im Zorn nicht zu unterdrückende, milde Zärtlichkeit.

"Der Freundliche", so typisierte ihn Brecht in einer Parabel. Es ist die verbindliche, auch demonstrierende Freundlichkeit, Menschenfreundlichkeit, welche allen alles herschenkt und am Ende nichts für sich behält. Es ist auch die sanfte Gewalt des Nicht-Widerstrebens. Er kannte den Gott der Rache, aber er opferte ihm nicht. Mit der Schuld des Täters, jeden Täters, wollte er sich nicht beladen. Er nahm lieber die Bettlerschale, als nach Beute zu jagen. Urchristliches war in seinem Gesicht: Was nach der Bergpredigt kommt und in die Thebais geht, Passion und Lebensverklärung, Sensualität und Askese. Oft schien er ein Amateur, im schönsten Sinn dieses Wortes, doch sein Geist, seine Wortkraft und sein Formbewußtsein drängten zur Meisterschaft, wie er sie in manchen seiner Verse und seiner Prosastücke, wie er sie in seinen späten Jahren auf dem Theater erreicht hat. Er war ein Regisseur, der vor Leidenschaft, auch vor bezähmter Ungeduld, zittern könnte, mit dem Kinn, den Backenmuskeln, den Händen, der Stimme, der aber nie einen Mitwirkenden anschrie. Die Schauspieler fühlten sich von ihm im Sinne der biblischen Gattenliebe erkannt. So erschlossen sie sich, wie die Victoria Regia im Mondstrahl einer bestimmten Nacht. "Puppenfee" nannte er die große Schauspielerin Käthe Gold, und so führte er sie am hauchzarten Seidenfaden. Er kannte kein Diktat. Wenn er sprach, wollte er Antwort. Deshalb hörte man ihm zu, hörte auf ihn. Noch wenn er rabulistisch wurde, hatte sein Wort den Tonfall der Wahrheit. Er war ehrlich bis zur Kontradiktion. Er kannte keine Scham vor seinen Schwächen, und es war ihm die Kraft zur Kreisbildung verliehen: Noch im Reich des "Personenkults", in der Filmwelt von Hollywood, in welcher er nach außen hin sich an der Peripherie bewegte, war er ein innerer Mittelpunkt, Jünger sammelten sich um ihn, der selbst zur Jüngerschaft gewillt war. Wenn er die eine Faust zornig ballte, war die andere zum Streicheln geöffnet. Sein Zorn galt der Niedrigkeit und dem Unrecht, sein Erbarmen der Schwachheit. Im Gedächtnis bleibt ein Gesicht, auf dem es immer wetterleuchtet, das stets beunruhigt ist, und das, der weltlichen Passion hingegeben, die Ruhe der Oberwindung ausstrahlt – ein Gesicht von närrischer Prophetengewalt.