Achtundzwanzig Monate schleppt sich der Bürgerkrieg in Nigeria hin, ohne daß ein Ende der blutigen Auseinandersetzung in Sicht ist. Die verschiedenen Angebote und Aufforderungen zu Waffenstillstandsverhandlungen wurden von den streitenden Parteien als Propagandamanöver ad acta gelegt.

Die militärische Lage hat sich für beide Seiten seit einem halben Jahr praktisch nicht verändert. Die große nigerianische Offensive des letzten Frühjahres blieb bei Umuahia stecken. Aber auch die Biafraner kamen über Owerri, das sie nach dem Fall von Umuahia zu ihrer provisorischen Hauptstadt machten, nicht hinaus. Die nigerianischen Luftangriffe auf den einzigen biafranischen Landeplatz Uli blieben wie in all den vergangenen Monaten ohne größere Wirkung. Die Biafraner fliegen wie eh und je allnächtlich über Gabun und São Tomé Waffen ein, und auch die Kirchenflugzeuge wickeln ihre Versorgungsflüge (pro Nacht durchschnittlich 8 bis 10 à 10 bis 12 Tonnen Lebensmittel und Medikamente) via São Tomé–Uli ab.

Die Mini-Luftstreitmacht Biafras, die sich hauptsächlich aus kleinen schwedischen Schälmaschinen rekrutiert, geflogen von europäischen Piloten, ist ebenfalls nach wie vor im Einsatz. Ihr erklärtes Ziel: Zerstörung der Erdölanlagen um Port Harcourt.

Leidtragende dieses sich hinziehenden Krieges ist in erster Linie die in Biafra eingeschlossene Bevölkerung. Nach Schätzungen der Hilfsorganisationen sind in Biafra bisher 1,5 Millionen Menschen verhungert. Die tägliche Todesrate liegt heute zwischen 500 und 600 Menschen. Die kirchlichen Organisationen, die am letzten Sonntag ihren 4000. Flug von São Tomé nach Biafra durchführten und mehr als 44 000 Tonnen Lebensmittel und Medikamente einflogen, sind nicht in der Lage, die Lücke auszufüllen, die das Rote Kreuz hinterließ, als es im Juni seine Flüge einstellte. Damals wurde eine Rote-Kreuz-Maschine von einem nigerianischen Düsenjäger abgeschossen.

Die Verhandlungen des Roten Kreuzes mit Biafra, auch Tagesflüge zu gestatten, führten bisher zu keinem Ergebnis. Nach wie vor fürchtet Biafra, Nigeria könne die Rote-Kreuz-Flüge am Tag dafür benutzen, die Sicherheit ihres einzigen Flugplatzes zu gefährden.

Nach Berichten aus Biafra, die zwar von Radio Biafra heftig dementiert Werden, hat sich im Land eine allgemeine Kriegsmüdigkeit ausgebreitet – auch auf nigerianischer Seite. Ojukwu, so heißt es, muß mehr und mehr zu Zwangsrekrutierungen übergehen. Unzufriedenheit über das relative Wohlleben der biafranischen Oberschicht, die auf Luxusgüter nicht verzichtet und diese über Lissabon und Gabun einfliegen läßt, breitet sich aus. Der Vorwurf, Ojukwu umgebe sich mit korrupten Mitarbeitern und Offizieren, wird von einer sich allmählich in Biafra formierenden Opposition erhoben. Diese Opposition drängt zwar nicht auf einen Ausgleich mit Lagos, wünscht aber eine gerechtere Verteilung der Kriegslasten.