Als die Wertpapiermärkte nach der Maik-Aufwertung wieder geöffnet wurden, blickte man besorgt nach den Kurstafeln. Würde es zu dem befürchteten großen Abzug der Ausländer aus den deutschen Effekten kommen? Ohne Zweifel hat hier ein Teil des heißen Geldes Zuflucht gefunden. Doch die große Verkaufswelle blieb aus. Weder bei den Aktien noch bei den Anleihen der ausländischen Emittenten wurde der Kursdruck bedrohlich.

Die Rentenhändler hatten sich auf Millionenumsätze eingestellt. Sie wollten elastisch reagieren und bei großem Angebot sofort drei, Kurse zurücknehmen. Ähnlich hatten sie auf die Auslandsverkäufe reagiert, die unmittelbar nach Freigabe des Wechselkurses der Mark vorgenommen werden sollten. Damals waren viele Verkaufsaufträge wegen der schwächeren Kurse zurückgezogenworden. Man wollte am Kurs der Papiere nicht das verlieren, was man im Wechselkurs gewonnen hatte.

Auch jetzt haben die Ausländer offenbar keine Eile. Mit Befriedigung nahmen sie die Äußerungen des Bundeswirtschaftsministers und des Notenbankpräsidenten über den künftigen Kurs der deutschen – Konjunkturpolitik zurKenntnis. Danach scheint die Bundesbank ihren Restriktionskurs nach einer Übergangszeit aufgeben und zu einer Politik des billigeren Geldes zurückkehren zu wollen. Für die Börse gedeutet das Aussicht auf höhere Rentenkurse und für die ausländischen Besitzer deutscher Mark-Titel die Chance, neben dem Währungsgewinn noch einen Kursgewinn zu kassieren.

Bei den Aktien sieht die Sache diffiziler aus. Die für manche überraschend scharfe Aufwertung wirft die Frage nach der künftigen Gewinnentwicklung in der deutschen Industrie auf. Nur Illusionisten können glauben, daß bei diesem Aufwertungssatz und angesichts der beträchtlichen Lohn- sowie Materialkostensteigerungen die Gewinne allgemein weiter zunehmen werden. Es würde schon viel erreicht sein, wenn sich 1970 die 1969er Gewinne halten ließen. Und das hängt nicht allein von der deutschen Konjunktur, sondern wohl mehr noch vom Tempo der inflationistischen Bewegung unserer Handelspartner ab. In dieser Beziehung läßt uns die Entwicklung in Italien hoffen ...

Weder bei den Großanlegern noch bei den Kreditinstituten wird die Aufwertung als nationale Katastrophe angesehen. Sie war voraussehbar, und man konnte sich – wenigstens gedanklich – darauf einstellen. Es war richtig, die deutschen Aktienkurse nicht voll auszureizen, sondern seit Mitte des vergangenen Jahres mit Währungskomplikationen zu rechnen. Deshalb spricht auch nichts für eine Wiederholung der Ereignisse, wie wir sie nach der ersten Aufwertung im Jahre 1961 erlebten, der nahezu sieben magere Börsenjahre folgten.

Es bleibt abzuwarten, was die deutschen Fonds mit ihren hohen Barreserven anfangen. Soweit sie nach ihren Satzungen in deutschen Aktien investieren müssen, können sie ihre Zurückhaltung wahrscheinlich nur noch für einige Wochen aufrechterhalten. Bleibt die deutsche Börse auch dann noch von Kurseinbrüchen verschont, wird man "einsteigen" müssen, auch zu den heutigen Kursen. Zum Teil scheint man damit bereits begonnen zu haben.

Natürlich wird die Auswahl sorgfältig sein müssen. Branchen mit übergroßer Abhängigkeit vom Export wird man mit Vorsicht zu betrachten haben. Die Unternehmen des Auto- und Maschinenbaues werden vermutlich ihre Marktanteile nicht ohne Not preisgeben wollen. Das bedeutet, daß diese Gesellschaften zu Lasten der Gewinnmarge die Aufwertung nicht voll an ihre ausländischen Kunden weitergeben. Von Unternehmen zu Unternehmen wird man weiter prüfen müssen, ob sie für die Exportverluste einen Ausgleich in höheren Inlandspreisen finden werden. K.W.