Ganze 72 Pfennig gibt der deutsche Mann im Monat für Nachtwäsche aus. Und im Jahr wird pro Mann weniger als ein halber Schlafanzug gekauft. Solch deprimierende Zahlen lassen die Wäscheindustrie nicht ruhen.

"Was tun?" sprach Seidensticker und entwickelte eine neue Kampagne. Zuerst erhielt das Kind einen neuen Namen. "Home Dress" soll der gute alte Schlafanzug in Zukunft heißen. Und wie es sich für richtige Werbeleute gehört, wurde mit dem neuen Namen auch gleich eine neue Philosophie entwickelt.

Der Freizeitbereich wird immer größer, sagten sich die Schlafanzuganpreiser. Damit der Mann sich auch richtig austoben kann, braucht er bequeme Kleidung. Also verkünden sie: "Fühlen Sie sich lässig angezogen, entspannen Sie sich vor dem Zubettgehen, seien Sie ein ‚Haus-Löwe’" – im ‚Home Dress‘ wohlgemerkt.

Und damit auch jeder merkt, daß die Männlichkeit gerade im Schlafanzug Triumphe feiert, wird der Löwe im Manne auch optisch deutlich ins Bild gerückt: Lässig über einen "königlichen" Sessel gelümmelt, läßt der "Home-Dress-Mann" seinen Arm auf einem Löwen ruhen.

Wo so der Sex beim Mann (oder auch bei der Frau) angesprochen wird, da darf auch Kolle nicht fehlen. Aber wie immer in letzter Zeit, muß er, der sich um die Aufklärung unseres Volkes so verdient gemacht hat, auch für die Wäscheproduzenten als Prügelknabe herhalten.

"Oswalt Kolle irrt: Die Zukunft heißt nicht Nacktschlafen!" behaupten die Nachtwäsche-Bewußten. Nicht 50 Prozent aller Deutschen schlafen ganz "ohne", wie Kolle verbreitet hat, sondern nur 4 bis 5 Prozent aller Männer und Frauen verzichten im Bett auf jegliche Textilien, berichten die Seidensticker-Leute in ihrem ersten "Home-Dress-Report".

Aber – und das ist natürlich alarmierend – bei der Jugend ist der Trend zur Natur besonders ausgeprägt. Doch die Nachtwäsche-Hersteller haben wissenschaftlichen Beistand eingeholt: "Nackt schlafen kann gefährlich sein für Leute, die nachts öfter aufstehen müssen", meint Dr. med. Schöppe in diesem Wäsche-Journal. Und er fügt hinzu: "Der Körper kühlt sich ab, und zwar mehr als manchmal gut ist..." rb