Von Gabriel Laub

Der englische "Observer", eine seriöse Zeitung, brachte einen Aufsatz eines seriösen Autors, des Schriftstellers Austin Coates, mit Beweisen, daß Mao Tse-tung schon längst tot sei und von Doubles vertreten werde. Diese Meldung mag wahr sein oder nicht – es ändert gar nichts: Mao ist schon viele Jahre ein Symbol, und Symbole sterben nicht. Es wäre auch egal, hätte er in der Wirklichkeit nie existiert: Gläubige brauchen keinen Gott, ihnen genügt vollkommen das Bildnis Gottes.

Interessant dagegen erscheint die Situation seines Doubles, der Maos neue Weisheiten spricht, der alle Ehren als Mao entgegennimmt und dennoch kein Mao ist. Oder?

Ich erinnere mich da an das Schicksal des Doppelgängers von Marschall Montgomery, des englischen Schauspielers Clifton James, der ganz kurz vor der Invasion in Frankreich Anno 1944 als Marschall nach Gibraltar fuhr, um die deutschen Spione zu täuschen. Er lebte sich so in seine Rolle hinein, daß er dann nie mehr in seine Haut eines drittrangigen Mimen zurückschlüpfen wollte. Er wurde irre davon, daß er für ein paar Tage einer der populärsten Männer der damaligen Welt war.

Sollen wir daraus die Lehre ziehen, kleinen Schauspielern keine großen Rollen anzuvertrauen, die sie nicht ertragen können? Doch eine Heldenrolle gehört weder auf der Bühne noch im Leben zu den schwersten. Zumeist kommt man dabei mit Gesten aus, mit ein bißchen pathetischem Text. Und im Leben ist das Publikum anspruchslos; es ist längst gewöhnt, daß Heldenrollen nur von Akteuren übernommen werden, deren einziges Talent der Ehrgeiz ist.

Zum Glück für die Rolle fällt der Held in der Regel früher, als er Gelegenheit findet, aus der Rolle zu fallen. Wehe dem Helden, der nicht fällt – er muß dann eine überheroische Anstrengung entfalten, um noch als Held zu sterben.

Warum ist der Doppelgänger Marschall Montgomerys verrückt geworden? Weil er erkannte, daß seine Ähnlichkeit mit dem Marschall nur äußerlich sei, nur zur Parade, zur Demonstration sich eignet und er nicht ein wirklicher Kommandeur sein durfte? Oder im Gegenteil: kam er zu dem Schluß, er könnte ein ebenso guter Feldherr sein wie der Sieger von El Alamein, und nur ein Irrtum des Schicksals hätte ihre Pläne zu seinen Ungunsten verwechselt – und wurde er davon wahnsinnig? In Maos Fall kann der Doppelgänger noch leichter zum Schluß kommen, er könnte selbst genausogut der große Vorsitzende sein: Die wirklich wichtigen Entscheidungen überläßt man ihm sowieso nicht (wahrscheinlich auch dem echten Mao nicht), und Zitate zu produzieren ist eine Arbeit, die man an einem Tage lernen kann, sobald man in das Amt des Zitatenprägers kommt.