Ein Geheimnis wird entschleiert – Der Tischlergeselle hatte keine Hintermänner

Von Anton Hoch

Niemand bestreitet – und es besteht auch kein Zweifel darüber –, daß das Attentat von dem schwäbischen Tischlergesellen Georg Elser ausgeführt wurde. Er wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, Kreis Heidenheim, geboren. Seine Eltern besaßen in Königsbronn eine kleine Landwirtschaft, die vor allem von der Mutter betrieben wurde und in der die Kinder – außer Georg noch drei Schwestern und ein Bruder – von klein auf mithelfen mußten. Der Vater ging dem Holzhandel nach, der aber nicht viel einbrachte, später statt Gewinn sogar Schulden. In der Schule war Elser, wie er selbst sagt, ein mittelmäßiger Schüler, nur in gewissen Fächern, wie Zeichnen, Rechnen und Schreiben, erhielt er gute Noten. Nach sieben Jahren Volksschule wollte er Eisendreher werden, wechselte aber, da die Arbeit für seine schwächliche Natur zu schwer war, zur Schreinerei über. Im Frühjahr 1922 legte er als Bester die Gesellenprüfung ab und war seitdem als geschickter und passionierter Handwerker geschätzt und beliebt.

Elser war ein ruhiger und verschlossener Mensch, in seinen materiellen Bedürfnissen anspruchslos und sparsam. Er kannte seine Fähigkeiten als Handwerker und wollte sie auch gewürdigt sehen. Obwohl es ihm weniger auf das Geld als auf die innere Befriedigung bei der Arbeit ankam, war er doch sehr darauf bedacht, leistungsgerecht entlohnt zu werden. Er war kein normaler Schreiner, sondern Kunsttischler. Sehr wichtig für ihn war, daß er selbständig schaffen konnte. So war es kein Wunder, daß er bei keinem Meister lange aushielt. Am liebsten arbeitete er zu Hause in seiner eigenen kleinen Werkstatt. Er war Einzelgänger und fühlte sich offensichtlich niemandem freundschaftlich verbunden.

Sehr kritisch stand er von Anfang an den politischen und sozialen Verhältnissen seiner Zeit gegenüber. So gab er vor 1933 seine Stimme der KPD, weil sie mehr Lohn und bessere Wohnungen versprach. Mitglied war er angeblich nicht und auch nicht anderweitig für die Partei tätig. Durch Zureden eines Kollegen trat er 1928 oder 1929 in Konstanz dem Rotfrontkämpferbund bei, wiederum aber ohne eine Funktion zu bekleiden. Gewerkschaftsmitglied war er lediglich, weil man es sein sollte. Bei der Vernehmung gab er an, daß er von der kommunistischen Ideologie keine Ahnung gehabt habe, ebensowenig von einer nationalsozialistischen Weltanschauung. Man kann ihm das gern glauben, wissen doch auch die Verwandten und Bekannten nichts davon, daß er sich jemals mit einschlägigen Büchern oder Zeitschriften beschäftigt hat. Auch Zeitungen hat er angeblich nur gelegentlich beim Mittagessen im Gasthaus gelesen. Regelmäßig schaute er sich nur die Möbel- und Schreinerzeitung an und das natürlich aus beruflichem Interesse.

Auf jeden Fall lehnte er den Nationalsozialismus und das neue Regime entschieden ab. Es wird berichtet, daß er trotz Aufforderung nicht bereit war, bei einer Mai-Feier die Fahne zu grüßen. Und wenn im Radio eine Rede Hitlers übertragen wurde, verließ er das Haus. Behauptungen, daß er Mitglied der Partei, der SS oder der SA war, sind bloße Gerüchte und entsprechen nicht den Tatsachen. Alle Verwandten, die nach dem Kriege befragt wurden, haben sich in diesem Sinne geäußert, und seine Mutter schrieb erregt Pastor Niemöller am 23. Februar 1946: "Mein Sohn war bis zu seiner Festnahme November 1939 nicht bei der SS, noch viel weniger SS-Scharführer ... Eine Mutter muß es doch besser wissen als ein Außenstehender. Das ganze Dorf war empört über diesen Bericht."

Bei seiner Vernehmung gab er die Gründe für seine gegnerische Einstellung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime selbst an: "Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So zum Beispiel habe ich festgestellt, daß die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. Während ich im Jahre 1929 in der Uhrenfabrik in Konstanz durchschnittlich 50 Mark wöchentlich verdient habe, haben die Abzüge zu dieser Zeit für Steuer, Krankenkasse, Arbeitslosenunterstützung und Invalidenmarken nur ungefähr 5 Mark betragen. Heute sind die Abzüge bereits bei einem Wochenverdienst von 25 Mark so hoch. Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahre 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennig bezahlt. Es ist mir erinnerlich, daß 1929 sogar ein Stundenlohn von 1,05 Mark tarifmäßig bezahlt wurde.