Von Peter F. Drucker

Das moralische Kernproblem der Bildungsgesellschaft wird die Verantwortung des Gebildeten, des Wissenden sein.

In der Geschichte, zumindest in der westlichen, besaß der Gebildete nie Macht. Er war Dekor. Wenn ihm am Thron der Mächtigen überhaupt eine Rolle zukam, war es die des Hofnarren. Es war so wenig Wahres an dem Spruch: "Die Feder ist mächtiger als das Schwert", daß man ihn nur als "Opium für die Intellektuellen" bezeichnen kann. Bildung war etwas Nettes. Bildung war ein Trost für die Betrübten und ergötzlich für die Reichen, die es sich leisten konnten. Aber sie war nicht Macht. Ja, bis vor kurzem bereitete Bildung nur auf eine Position vor, die des Dieners der Mächtigen. Oxford und Cambridge bildeten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Geistliche, die europäischen Universitäten Staatsbeamte aus. Die Handelsschulen in den Vereinigten Staaten, die vor kaum hundert Jahren gegründet wurden, haben gutgeschulte Angestellte und nicht Unternehmer ausgebildet.

Nun aber hat Wissen Macht. Es kontrolliert den Zugang zu Chancen und Beförderung. Wissenschaftler und Gelehrte sind heute nicht nur mehr "federführend", sondern "führend". Sie müssen von jenen, die Entscheidungen treffen, gehört werden. Sie bestimmen weitgehend, welche Maßnahmen auf so entscheidenden Gebieten wie Landesverteidigung und Wirtschaft ernstlich erwogen werden können. Ihnen obliegt weitgehend die Bildung der jungen Kräfte.

Der Gelehrte ist nicht mehr arm. Im Gegenteil, er ist der echte "Kapitalist" in der Bildungsgesellschaft. Gehälter in den Schulen sind rasch gestiegen. Nur in einer bildungsmäßig "rückständigen" Gesellschaft sind Lehrer, ob nun in der Volksschule, der höheren Schule oder der Universität, heute noch schlecht bezahlt. Eine solche Gesellschaft leidet unter Intelligenzflucht oder einer technologischen Lücke. Der Mann des Wissens findet auch immer mehr Verdienstmöglichkeiten außerhalb der Alma mater. Die Hälfte der älteren Fakultätsmitglieder unserer großen Universitäten, ganz gleich, welchem Fachgebiet sie angehören, verdienen heute wahrscheinlich mehr mit Forschungssubventionen oder als Berater als mit ihrer Arbeit für die Universität.

Aber Macht und Reichtum legen Verantwortung auf.

Der Gelehrte hat vielleicht ein größeres Wissen als die übrigen Menschen, doch Wissen bringt selten Weisheit. Es überrascht also nicht zu sehr, wenn Männer des Wissens nicht sofort begreifen, daß sie Verantwortung übernehmen müssen. Sie sind nicht anders als irgendeine andere Gruppe, die je einmal zur Macht kam. Auch sie glauben, daß sie ihre Position ihrem Wert verdanken und keine andere Rechtfertigung brauchen, als die der "Reinheit ihrer Absichten". Auch sie glauben, daß jeder, der ihre Motive in Frage stellt, ein Narr oder Gauner, ein "Antiintellektueller" oder "McCarthy-Typ" sein müsse. Aber auch die Männer des Wissens werden feststellen, daß Macht nur mit Verantwortung gerechtfertigt werden kann.