Die nächste Aufwertung kommt bestimmt – Seite 1

Von Hartwig Meyer

Mutig, aber nicht tollkühn – so bezeichnete Karl Schiller die Aufwertung der Mark, mit der deutsche Waren für jeden Ausländer um fast 9,3 Prozent teurer und ausländische Güter für uns um 8,5 Prozent billiger werden können. In den Augen seiner Professorenkollegen tat Schiller freilich nur das Unumgängliche, und das noch viel zu spät.

Frei von der Last politischer Verantwortung haben die Professoren weit ehrgeizigere Ziele entwickelt. Sie wollen die festen Bandes des Systems von Bretton Woods entweder lockern oder ganz kappen, mit denen Pfund, Mark, Yen oder Franc an den US-Dollar geknüpft sind.

Die Professoren fühlen sich keineswegs als Utopisten. Zu ihren verständnisvollen Zuhörern gehört bricht nur Karl Schiller. Zu ihren Anhängern gehört auch ein prominentes Mitglied der so oft als konservativ gescholtenen Bundesbank: Otmar Emminger, führender Kopf unter den Währungsexperten der Welt. Sein Vorschlag, den er zum erstenmal im August dieses Jahres machte, ist unter Fachleuten als crawling peg (kriechender Pflock) bekannt.

Es ist ein spezieller Kompromiß zwischen festen Wechselkursen zum US-Dollar und freien Kursen, wie sie der Markt bestimmt: "Das hier ins Auge gefaßte System hätte auf einer Abmachung des betreffenden Landes mit dem IWF zu beruhen, wonach dieses Land gegebenenfalls seine Parität... bis zu einem bestimmten jährlichen Betrag nach oben verschieben kann."

Was Emminger meint, ist folgendes: Sollte sich herausstellen, daß ein Land ständig Zahlungsbilanzüberschüsse produziert, weil seine Preise stabiler sind als die in den Nachbarländern, so kann es Monat für Monat oder Quartal für Quartal seinen Paritätskurs zum Dollar um einen angemessenen Betrag erhöhen, es kann eine Aufwertung in Raten vollziehen. Der Witz dabei ist, daß die prozentualen "Trippelschritte" sehr klein bemessen sein müssen, um der Spekulation von vornherein den Mut zu großen Engagements zu nehmen.

Emmingers Vorschlag wird freilich jetzt erst einmal in der Schublade verschwinden. Denn alle Welt ist erleichtert, daß die Bundesrepublik ihr Experiment des freien Wechselkurses beendet hat und wieder in die Zucht des Systems von Bretton Woods zurückgekehrt ist.

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Alle Welt hofft, daß nun vorerst Ruhe an der Währungsfront einkehren wird, nachdem die so oft beschworene Preisdisparität zwischen der Bundesrepublik, der zweitgrößten Welthandelsnation, und der übrigen Welt durch die Markaufwertung mit einem Schlage verschwunden ist. Ob diese Ruhe von Dauer sein wird, muß man jedoch bezweifeln.

Die Regeln des Internationalen Währungsfonds, der obersten Währungsinstanz der westlichen Welt, stellen große Ansprüche an alle Mitglieder, von denen es heute 112 gibt. Die Regeln sollen das verhindern, was zwischen den beiden Weltkriegen zur Lähmung des internationalen Handels und zur wirtschaftlichen Stagnation geführt hat: zerrüttete Währungsverhältnisse, in denen es nur noch die Zuflucht zur Devisenzwangswirtschaft gab.

Die Väter der Währungsstatuten, darunter Lord Keynes, fielen nicht der Utopie anheim, eine einheitliche Weltwährung zu schaffen, mit der aller Kummer um Wechselkurse, um Auf- oder Abwertungen, aus der Welt geschafft werden können. Was sie auf die Beine stellten, war eine anspruchsvolle Ersatzlösung, die von allen Teilnehmern ein hohes Maß an freiwilliger Gruppendisziplin verlangt.

Jedes Land, das seine Währung mit einer festen Parität an den Dollar kettet, muß mit den Vereinigten Staaten und den anderen Mitgliedsländern wirtschaftspolitischen Gleichschritt halten, wenn es die weltweite Währungsharmonie nicht stören will. Jede Abweichung davon bringt Gefahren mit sich.

Wer es, wie Großbritannien, mit der Preisdisziplin nicht so genau nimmt, muß mit einem Schwund in seiner Devisenkasse rechnen. Denn bei starren Wechselkursen schlägt jede interne Preisinflation über ein Defizit im Außenhandel sofort auf das Land zurück, wenn sie über das "Weltmaß" hinausgeht. Wer es umgekehrt, wie die Bundesrepublik, mit der Preisstabilität sehr genau nimmt, der muß mit einem Überquellen seiner Devisenkasse rechnen. In beiden Fällen wird das Gleichgewicht des Weltwährungssystems gestört, in beiden Fällen setzen sich Spekulationsströme in Bewegung, die das System auf harte Proben stellen und seine Existenz bedrohen.

Die Gründer des Weltwährungssystems sahen dies schon 1944 voraus. Sie bauten die Möglichkeit ein, daß ein Land, das zu sehr aus dem Tritt gefallen ist, sich mit Hilfe einer Auf- oder Abwertung wieder in Gleichschritt mit den anderen bringen kann. Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Partnern legte John Maynard Keynes den größten Wert auf diese Bestimmung, weil er die wirtschaftlichen Schwierigkeiten vorausahnte, mit denen Großbritannien nach dem Ende des Krieges zu kämpfen haben würde.

Das Ventil der Änderung der Währungsparitäten ist freilich nur von den Entwicklungsländern in großem Stile benutzt worden, nicht aber von den defizitären Industrienationen, die eine Abwertung als Eingeständnis wirtschaftlicher oder gar nationaler Schwäche oder eine Aufwertung als lästige Erschwernis im Kampf auf den Exportmärkten betrachteten. Schande war das Wort, das die Briten nach der letzten Pfund-Abwertung im Munde führten, "schlimmste Absurdität" war der Ausdruck General de Gaulles, als er den Gedanken einer Franc-Abwertung noch weit von sich wies.

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Die Regierungen der Industrieländer zeigten sich aber lange: Zeit hindurch ebenso wenig bereit, die Alternative zu wählen, um Krisen vom Weltwährungsystem abzuwenden, das heißt, ihre Wirtschaftspolitik auf die Zahlungsbilanz auszurichten. Im Falle eines defizitären Landes wie Großbritannien wäre eine ausschließlich Zahlungsbilanzorientierte Politik auf eine Deflation mit entsprechender Arbeitslosigkeit hinausgelaufen. Im Falle eines Überschußlandes wie der Bundesrepublik hätte der Regierungskurs Inflation heißen müssen.

Kein Land war bisher bereit, alle Konsequenzen aus seiner Situation zu ziehen, auch nicht die Vereinigten Staaten, die als Leitwährungsland ein gigantisches Zahlungsbilanzdefizit zuließen und auf diese Weise die Welt mit Dollars überschwemmten. Anders, als es das Währungssystem verlangt, verschafften sich die Defizitländer auf Grund ihres starken politischen Gewichtes von den Überschußländern Kredite, mit deren Hilfe sie das Loch in ihrer Zahlungsbilanz stopfen und zugleich ihre expansive Konjunkturpolitik weiterverfolgen konnten.

Die Änderung des Wechselkurses war immer nur die ultima ratio, die Notbremse, die von England und Frankreich jeweils erst nach einem Ansturm der Spekulation und nach heftigen wirtschaftlichen Schwächeanfällen gezogen wurde.

Zuvor griffen sie lieber in den Handwerkskasten der Devisenbewirtschaftung oder der Manipulation des Außenhandels. Diese Liste ist stattlich. Sie begann mit Devisenbeschränkungen bei den Briten. Sie setzte sich fort mit Importkontingenten und Exportsubventionen in Frankreich, und sie führte schließlich zu den Exportsteuern und Importentlastungen der Bundesrepublik. In allen Fällen überwog, der Gedanke, daß ein politisch selbstbewußtes und industriell hochentwickeltes Land sich nicht einem anonymen Währungssystem unterwerfen und damit auf seine wirtschafts- und finanzpolitische Souveränität verzichten könne.

Kaum jemand glaubt daran, daß die vielen Industrieländer diese nationale Eigenständigkeit in ihrer Wirtschaftspolitik so bald aufgeben werden. Und das bedeutet: Die Briten, mit einem langen Gedächtnis an die Arbeitslosigkeit der dreißiger Jahre versehen, werden auch künftig eher dem Boom den Vorrang geben und mit den Preisen weniger zimperlich umgehen als die Deutschen.

Die Deutschen, zweimal inflationsgeschockt, werden die Fahne der Stabilität hochhalten und sich auf diese Weise bald wieder einen Preisvorsprung vor ihren Konkurrenten "ersparen", der sie in ein paar Jahren erneut vor die Frage stellt, welchen Satz sie für die dritte Aufwertung nach dem Kriege wählen sollen. Karl Schiller selbst hat der boshaften Börse schon das Stichwort gegeben, als er davon sprach, daß die Bundesrepublik nach der Aufwertung für "einige Zeit" Luft haben werde. Die Folgerung der Börse: Die nächste Aufwertung kömmt bestimmt.

Die Folgerung der Wissenschaftler: Es müssen Vorkehrungen dafür getroffen werden, daß Auf- oder Abwertungen ihrer politischen Brisanz beraubt und zur selbstverständlichsten Sache der Welt profanisiert werden. Das kann auf verschiedene Weise erreicht werden.

Entweder die Wechselkurse werden völlig freigegeben, wobei man sich überlegen kann, ob eine einheitlich dirigierte EWG ihre Währungen fest aneinander bindet und nur gegenüber anderen Währungsblöcken, insbesondere den USA, "frei schwankt". Oder ein Mechanismus sorgt in kleinen Schritten für jenen Anpassungsprozeß der Wechselkurse, der bisher Politiker und Länder ungebührlich strapaziert hat. Der Mechanismus heißt crawling peg oder gliding parity (gleitende Parität), mit der aufwertungsverdächtige Währungen nach oben und schwache Valuten nach unten gleiten können. Der unausrottbaren nationalen Eigenständigkeit wäre dann die gebührende programmierte Reverenz erwiesen. Und das internationale Währungssystem hätte, so meinen die Wissenschaftler, Aussicht auf ein langes Leben.